SWR Kultur Wort zum Tag
Eine Kollegin hat mir ihr Leid geklagt. Sie sagt: „Ich liebe meinen Mann, doch die Beziehung belastet mich gerade. Auf den ersten Blick ist alles normal: Er geht zur Arbeit, räumt die Spülmaschine aus und kümmert sich um die Kinder. Doch sobald es Abend wird und er sich vor den Computer setzt, taucht er ab in eine dunkle Welt.“
Ihr Mann schaut Video um Video, gefüllt mit schlechter Laune und düsteren Prognosen. Dort erklären selbst ernannte Experten, welche Pläne die EU angeblich gegen die Bevölkerung schmiedet, wie Impfkampagnen uns krank machen sollen und so weiter. Ihr Mann ist überzeugt: „Ich weiß, was wirklich passiert. Ich lasse mich nicht hinters Licht führen. Ich durchschaue das falsche Spiel.“
Ich habe mir diese Videos auf YouTube auch schon angesehen. Das Muster ist immer ähnlich: Die ersten Minuten klingen logisch und viele Fakten stimmen. Doch dann bricht es: Plötzlich kommen die großen Verschwörungstheorien. Es wird mit Zahlen, Daten und Statistiken um sich geworfen, bis niemand mehr durchblickt. Natürlich gibt es in der Politik Dinge, die schieflaufen. Aber hier wird bewusst übertrieben, gelogen und Angst geschürt.
Der Mann meiner Kollegin läuft den ganzen Tag mit finsteren Gedanken durch die Welt. Doch er ist kein Einzelfall. Viele Menschen in unserer Gesellschaft haben das Vertrauen verloren – in die Politik, die Polizei, die Schulen, die Kirchen und andere Institutionen. Studien zeigen, dass diese Menschen enorm belastet sind. Zwar fühlen sie sich schlauer und kritischer als der „Rest“, weil sie glauben, die Wahrheit zu kennen. Aber was hilft es ihnen? Sie warten jeden Tag auf die Apokalypse.
Ich weiß nicht, was ich meiner Kollegin raten soll. Sie hofft einfach, dass ihr Mann irgendwann wieder auf andere Gedanken kommt und positiver in die Zukunft blickt.
Ich glaube, wir brauchen ein gewisses Grundvertrauen, um gut leben zu können. Wie bauen wir dieses Vertrauen als Gesellschaft wieder auf? Das ist eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit. Denn diejenigen, die uns versprechen, mit all den „Lügen“ aufzuräumen, meinen es selten gut mit uns. Sie schüren nur weiter Angst. Echte Lösungen sehen anders aus. Lösungen entstehen dann, wenn wir einander vertrauen und uns fragen: Was kann jeder von uns beitragen, damit die Zukunft ein Stückchen menschlicher wird?
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