SWR Kultur Wort zum Tag
Das katholische „Schuldbekenntnis“ geht mir im Gottesdienst nicht so leicht über die Lippen. Da heißt es: „Ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken.“ In Worten zu sündigen – das kann ich mir vorstellen: lügen oder schimpfen. In Werken auch: zuschlagen oder zerstören.
Aber wie kann ich bitte „in Gedanken“ sündigen? Da habe ich mich schon als junger Mensch innerlich gewehrt. Die Gedanken sind doch frei! Ich lasse mir doch nicht vorschreiben, was in meinem Kopf passiert. Da darf mir keiner reinreden.
Andererseits merke ich, was passieren kann, wenn ich meine Gedanken einfach laufen lasse. Gerade jetzt in der dunklen Jahreszeit. Ich ärgere mich über die Politik. Ich bin enttäuscht, wenn sich Freunde nicht melden. Und ich hadere mit mir selbst. Wenn ich so denke, sehe ich überall nur noch Probleme. Kennen Sie das auch? Diese Gedankenschleifen?
Wenn ich düster denke, färbt das auch darauf ab, wie ich rede und handle. Mal zynisch, mal schlecht gelaunt. Da hat das Schuldbekenntnis schon recht: Alles fängt im Kopf an.
Was kann ich tun, um nicht in diese Falle zu tappen? Vor rund 500 Jahren hatte dazu jemand eine Idee: Ignatius von Loyola, ein spanischer Adeliger. Nach ein paar Jahren als Ritter hat er sich ganz dem Glauben und der Spiritualität verschrieben.
Ignatius schlägt vor, jeden Abend auf den Tag zurückzublicken. Dabei geht es ihm um einen liebevollen Blick auf sich selbst: Ich schaue aufmerksam und liebevoll auf das, was heute war. Ich kann den Tag - Stunde für Stunde - an mir vorbeiziehen lassen. Ohne zu beurteilen, sondern einfach wahrnehmen. Er nennt es: das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit.
Heute Abend will ich mir dafür eine Viertelstunde Zeit nehmen. Handy weglegen, vielleicht eine Tasse Tee kochen. Ich atme durch und bringe alles vor Gott. Das war mein Tag. Da dürfen alle schwierigen Momente vorkommen. Doch fast immer werde ich auch schöne Momente entdecken. Und ich stelle mir die Frage: Wofür bin ich dankbar?
Das kann helfen, nach und nach einen neuen Blick auf das eigene Leben zu gewinnen. Wäre doch schade, wenn mir viel Gutes begegnet, doch abends erinnere ich mich nur noch an die Probleme. Da hilft es, den Tag in Ruhe und mit Dankbarkeit anzuschauen.
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