SWR Kultur Wort zum Tag
Mein Nachbar findet, dass „die jungen Leute“ heute zu sehr an sich denken. Das missfällt ihm. Ich kann seine Einschätzung nicht teilen. Die jungen Menschen, mit denen ich täglich zu tun habe, wirken auf mich sehr engagiert. Manche haben sogar erfolgreiche Berufstätigkeiten aufgegeben, um stattdessen Theologie zu studieren. Das Pfarramt erscheint ihnen sinnstiftender als eine Tätigkeit, die sich vor allem finanziell auszahlt. Ich kann das nur bestätigen: Es trägt viel zur eigenen Sinnerfahrung bei, wenn ich etwas für das Ganze beitragen kann, von dem jeder Mensch schließlich selbst ein Teil ist.
Auch außerhalb der Kirche engagieren sich viele Menschen für unsere Gesellschaft.
Zum Beispiel bei der Feuerwehr. Es freut mich, dass die Freiwilligen und Berufsfeuerwehren gerade bundesweit einen Mitgliederboom verzeichnen. Die bedrohliche gegenwärtige Lage bewegt viele junge Menschen offenbar gerade nicht zu einem Rückzug in die private Komfortzone. Die jungen Leute sagen sich: Wir wollen etwas tun. Wir sind nicht hilflos den Verhältnissen ausgeliefert, wir können mitgestalten, jede und jeder vor Ort.
Ich habe Einblick in und Respekt vor dieser gemeinnützigen Aufgabe, denn ich bin mehr als zwanzig Jahre lang die ehrenamtliche Feuerwehrpfarrerin von Mainz gewesen. Ganz im Gegensatz zur Einschätzung meines Nachbarn sind mehrere hunderttausend junge Menschen in den Kinder- und Jugendfeuerwehren überall in Deutschland aktiv und lernen, wie sie im Notfall das Hab und Gut von Menschen und deren Leib und Leben retten können. Ich weiß sehr gut, dass das eine anstrengende und anspruchsvolle Ausbildung erfordert und man im Einsatz viel riskiert – manchmal das eigene Leben. Dennoch sagen diese jungen Leute: ich bin dabei!
Diese Menschen machen die wohltuende Erfahrung: Wer etwas für andere Menschen leistet, belohnt sich selbst mit Sinnerfahrung. Nicht zuletzt erfahren sie Gemeinschaft und erleben, wie gut es tut, wenn man sich gegenseitig unterstützen kann. Auch wenn die Aufgabe anstrengend ist und man sich manchmal aufraffen muss, nach der Schule oder der Arbeit noch mit den anderen zu üben.
Als Christin erlebe ich es so: Wenn ich entdecke, dass Gott sich mit meiner Geburt etwas für diese Welt gedacht hat, dann kann mich das sehr glücklich machen. Sehr viel glücklicher, als nur um den eigenen Bauchnabel zu kreisen. Ich glaube, dass sich Gott bei jedem Menschen etwas gedacht hat. Und ich glaube, dass es dieser Welt guttut, wenn möglichst viele Menschen herausfinden, was genau ihr eigener Auftrag für die Welt sein könnte.
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