Begegnungen

Ich bin Barbara Wurz und heute im Gespräch mit Pfarrer Martin Breitling. Seit Juni 2025 ist er Gefängnisseelsorger in der Ulmer Justizvollzugsanstalt – kurz JVA. Bis zu 100 Männer sitzen dort in Untersuchungshaft. Und wer es möchte und einen Antrag stellt, zu dem kommt Martin Breitling zum Gespräch.
Dann gehe ich hin, frag mal, worum geht. Und dann merke ich, es geht nur um was, dass jemand sagt: „Ich brauch noch ein bisschen Zucker. Haben Sie mir einen Kaffee? Können Sie mir eine Briefmarke geben? Ich habe kein Geld.“
Eine Tassenportion Instant-Kaffee, eine Batterie für den Wecker, eine Briefmarke… ohne Hilfe von außen - einen Freund oder Verwandten, der Geld überweist – sind diese Dinge für einen Häftling in U-Haft unerreichbar. Aber der Gefängnisseelsorger ist es. Und oft geht es schnell um mehr, als ein bisschen Kaffee.
Wir als Gefängnisseelsorger sind in diesem System natürlich die einzigen, mit denen man sprechen kann und und weiß: Von diesem Gespräch wird nichts weitergeleitet. Von diesem Gespräch spielt nichts, was ich sage, irgendeine Rolle für eventuelle Haftlockerungen.
Etwa 20 Prozent der Gefangenen suchen den Kontakt zur Gefängnisseelsorge. Manche scheinbar nur, wegen des Tütchen Kaffees oder Zucker. Aber zwischenmenschlicher Kontakt, aus dem entwickelt sich dann doch auch etwas, darüber hinaus.
Ich habe so einen, der schreibt jede Woche: Ich bitte um ein Gespräch. (...) Er weiß, ich komme, aber es gibt immer nur zwei so Tassenpäckchen und ein Päckchen Zucker dazu. Aber er weiß: Ich komme regelmäßig dafür. An der Türe machen wir kurz ein bisschen Smalltalk. Und dann frage ich so: „Warum sind Sie eigentlich hier?“ Und er sagt: „Drogen...“
Und das ist es, was Martin Breitling nach solchen Begegnungen besonders beschäftigt: die Frage, was wäre gewesen, wenn. Zum Beispiel bei diesem jungen Mann, der ihn regelmäßig anschreibt.
Es begegnen mir wache Augen und es begegnet mir so ein trockener und feiner Humor, wo ich dann denk: (...) Wäre er nicht auf das Gleis von Sucht und Drogen geraten, was wäre das jetzt für ein Mensch, was für ein Leben?
Es geht Martin Breitling nicht darum, die Tat oder das Verbrechen eines Menschen zu relativieren oder gar zu entschuldigen. Aber da ist eben noch mehr als diese Tat oder das Verbrechen: Ein Mensch mit Fähigkeiten und Begabungen – auch, wenn er sie nicht genutzt hat.
Manchmal fantasier‘ ich so rum: Wo könnte ich mir vorstellen, dass wir beide uns in einem komplett anderen Zusammenhang begegnet wären? Und dann denke ich: Ja, jetzt sitzt er in der U Haft im Gefängnis. Aber ich merke, dieses Leben ist eben auch viel mehr als als dieser Grund für die Haft.
Martin Breitling ist immer noch Pfarrer einer Gemeinde, denke ich mir: Einer Gemeinde, die – wie alle anderen eigentlich auch – versucht, das Leben auch mit seinen Abgründen zu meistern.
Und auch in seiner neuen „Gemeinde“ bietet er einen Gesprächskreis an, ganz ähnlich, wie früher im Gemeindepfarramt. Aber: „Bibelstunde“, „Männertreff“ für Strafgefangene? Als Außenstehende kann ich mir nur schwer vorstellen, was die gut 10 Männer, die da zusammenkommen, wirklich interessiert.
Einmal kam auch der Wunsch auf einmal einen Bibeltext miteinander anzuschauen (...) Und dann haben wir gemeinsam Kain und Abel gelesen (...) Also das war wirklich eine Sternstunde. (...) Im Spaß habe ich dann auch gesagt: Jeder von meinen Kollegen und Kolleginnen hier auf der Alb wäre wahrscheinlich neidisch, um so einen Bibelkreis, der das so feinfühlig und ernsthaft sich einem Bibeltext zuwendet und dabei von sich persönlich spricht.
Kain und Abel – die Geschichte zweier Brüder, von der die Bibel ganz am Anfang erzählt: Davon, wie unterschiedlich die Brüder sind. Abel – erfolgreich und von Gott geliebt. Und Kain, der darüber so neidisch wird, dass er im Zorn seinen eigenen Bruder mit einem Stein erschlägt.
Ja, und das Spannende war natürlich der Umgang mit mit Schuld. (...) Und ich habe dann gesagt: „Ich verrat‘ euch was: Kain und Abel, die leben heute noch. Kain und Abel, das bin ich. Und das war auch unser Tenor. Ja, wir sind nicht Kain oder Abel, sondern wir sind Kain und Abel. Wir sind Kain, der das Potenzial zu Gewalt in sich, trägt. Und wir sind Abel, der zum Opfer wird oder werden kann.
Wo, wenn nicht hier wird greifbar, was das heißt? Und ich begreife, wie nah am echten Leben der Schluss der Geschichte von Kain und Abel ist. Denn Kain kommt mit seinem Verbrechen nicht ungeschoren davon. Gott selbst bestraft ihn, reißt ihn heraus aus seiner Heimat und seinem vertrauten Leben. Kain begreift, dass er eigentlich nicht überleben kann. Die Strafe ist zu schwer, die Gott ihm da auferlegt hat.
Und dann, im Gefängnis natürlich, wunderbar, dieses dieser Schluss: Meine Strafe ist zu schwer, die du mir auferlegt. Und das dann in diese Erzählung Gott, an den Kain ein Zeichen macht, das allen zeigt: Dieser gehört trotz allem zu mir. Und wie der Satz im Gefängnis natürlich wirkt - „Trotz allem“ – das ist wirklich ganz – berührend.
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