Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Auf dem Weg zum Einkaufen entdecke ich einen einzelnen Handschuh. Dunkelblau, aus Wolle, leicht feucht vom Regen. Jemand hat ihn auf einen Zaunpfahl gesteckt, so wie man das oft macht: als stilles Zeichen, dass er hier wartet. Ich gehe weiter, schaue auf meine Hand und denke: dieser Handschuh bedeutet etwas.
Ein Handschuh ist nur im Paar vollständig. Einer alleine wärmt schlecht. Und vielleicht fühlt sich genauso manchmal unser Leben an: als würde etwas fehlen. Ein Mensch. Ein Gespräch. Eine Aufgabe. Ein Stück Zuversicht. Die Leerstelle merke ich manchmal erst, wenn es in mir sehr kalt wird.
Ich bleibe stehen und schaue noch einmal zurück. Der Handschuh sieht fast verloren aus und gleichzeitig gut aufgehoben. Jemand hat ihn sichtbar gemacht. Nicht einfach liegen lassen. Und das finde ich schön. Da kümmert sich jemand um etwas, das ihm gar nicht gehört.
Menschen tun das öfter, als man denkt. Sie sehen etwas, das verloren gegangen ist – und lassen es nicht einfach liegen. Einen Menschen, der sich selbst nicht mehr findet. Sie hören zu, bleiben stehen, fragen: „Geht’s dir wirklich gut?“. Oder eine Stimmung, die abgerutscht ist. Einen Mut, der irgendwo unterwegs liegen geblieben ist. Und sie machen ihn sichtbar, damit ihn jemand wiederfinden kann.
Ich glaube, genau das ist christliche Nächstenliebe. Nicht große Gesten. Nicht Heldentaten. Sondern kleine Zeichen, die sagen: Du bist nicht allein.
Als ich weitergehe, denke ich an eine Stelle aus der Bibel: „Sucht, und ihr werdet finden“ (Matthäus 7,7). Das klingt oft groß, aber im Alltag heißt das einfach: Bleib offen. Halte Ausschau. Gib nicht auf. Denn vieles, was verloren wirkt, taucht wieder auf. Manchmal anders. Manchmal später. Aber oft überraschend.
Am Abend laufe ich denselben Weg zurück. Der Handschuh ist weg. Und ich stellte mir vor, wie jemand erleichtert und lächelnd davorsteht: „Da ist er ja!“ Ich freue mich über solche kleinen Happy Ends, selbst wenn ich sie nur denke.
Vielleicht passt dieses Bild heute zu Ihnen. Vielleicht spüren Sie eine Leerstelle oder eine Sehnsucht ohne Namen.
Dann möchte ich Ihnen sagen: Sie sind nicht verloren. Und das, wonach Sie suchen, hat mehr Geduld, als Sie denken. Manchmal reicht ein Moment der Achtsamkeit. Ein Gespräch. Ein leises Gebet.
Und vielleicht entdecken Sie heute selbst einen „verlorenen Handschuh“ im übertragenen Sinn – bei sich oder bei jemand anderem. Dann heben Sie ihn ruhig auf. Machen Sie ihn sichtbar. Zeigen Sie: Hier geht etwas nicht verloren.
Denn wir Menschen finden uns immer wieder. Mit Gottes Hilfe. Und vor allem miteinander.
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