Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

23JAN2026
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Schnee! Der erste Schnee für meine Jüngsten! Gut, es waren keine Massen in Esslingen, aber die Kinder hat es sofort vor die Haustür gelockt. Jacken, Mützen und Handschuhe waren noch nie so schnell angezogen und schwups waren wir draußen und haben Schneekugeln über den Boden gerollt, gelacht und durcheinander gerufen. Am Ende stand er dann da: ein schiefer Schneemann. Ich holte eine Karotte als Nase, und wir machten ihm zwei viel zu kleine Steine als Augen. Nicht perfekt, aber wir haben ihn geliebt.

Ein paar Stunden später war er schon wieder kleiner. Am Abend hing der Kopf schief. Und am nächsten Morgen war fast nichts mehr von ihm übrig.

Ich stand am Fenster und dachte: Das ist eigentlich ein erstaunlich ehrliches Bild vom Leben. Wir bauen Dinge auf – mit Mühe, mit Freude, mit Hingabe. Und manches davon hält. Und manches nicht. Ein Schneemann gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.

Und trotzdem würde niemand sagen: Warum habt ihr überhaupt einen Schneemann gebaut, wenn er doch eh schmilzt?“ Im Gegenteil. Gerade weil er nicht bleibt, ist er wertvoll. Er ist ein Moment. Ein gemeinsames Tun. Ein Augenblick von Freude.

Ich frage mich: Warum messen wir im Alltag so oft alles an Dauer und Erfolg? Warum denken wir, etwas sei nur dann sinnvoll, wenn es Bestand hat? Beziehungen, Projekte, Gespräche – wir wollen, dass alles hält. Aber das Leben funktioniert nicht so.

Auch Jesus erzählt immer wieder Geschichten von Dingen, die klein sind, vergänglich, unscheinbar. Ein Senfkorn. Ein Brot. Ein Moment der Nähe. Und trotzdem sagt er: Genau darin zeigt sich Gott.

Vielleicht ist der Schneemann deshalb ein gutes Bild für unseren Glauben. Glaube ist nicht immer stabil und monumental. Manchmal ist er brüchig. Manchmal schmilzt er. Manchmal bleibt nur eine Erinnerung. Aber das heißt nicht, dass er umsonst war.

Ich habe an diesem Morgen nicht getrauert, dass der Schneemann weg war. Ich habe mich erinnert, wie wir gemeinsam draußen standen. Wie kalt meine Hände waren. Wie laut das Lachen. Und wie gut sich dieser Nachmittag angefühlt hat.

Das mach ich jetzt öfter: Dinge nicht danach bewerten, ob sie bleiben – sondern danach, ob sie gut waren, solange sie da waren. Ein Gespräch. Ein Gebet. Ein gemeinsamer Moment.

Gott ist nicht nur in dem, was bleibt. Er ist auch im Vorübergehenden. Im Schnee, der schmilzt. Im Schneemann, der verschwindet. Und in der Freude, die bleibt.

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