Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
In dem Haus, in dem ich früher gewohnt habe, gibt es ein Treppenhaus, das abends ziemlich dunkel wird. Das Licht geht nur an, wenn man auf einen kleinen Schalter drückt.
Jedes Mal ist mir dann dasselbe passiert: Ich drücke den Schalter, das Licht springt an, es bleibt aber nie so lange an, wie ich es bräuchte. Irgendwann, zwischen zwei Stockwerken, geht es einfach wieder aus.
Ich erinnere mich noch gut an einen Abend, an dem es gefühlt besonders dunkel war: Ich habe Einkaufstaschen in der Hand, bin müde – und das Licht geht schon nach der Hälfte aus. Ich stehe da und schnaube: „Nicht jetzt.“ Ich drücke erneut. Das Licht springt wieder an. Und ich merke, wie mich dieser kleine Moment nervt – jedes Mal.
Auf dem Weg nach oben denke ich: Vielleicht ist das Treppenhaus gar kein Problem. Vielleicht zeigt es mir etwas über mein Leben. Denn genauso geht mir manchmal das innere Licht aus. Ich starte motiviert in die Woche, ich habe Kraft, Energie, Freude. Und dann kommt etwas dazwischen. Eine schlechte Nachricht. Ein voller Kalender. Ein Streit. Und plötzlich stehe ich im Dunkeln.
Es wäre doch viel besser, wenn mein inneres Licht dauerhaft hell bleibt. Dass ich stabil funktioniere. Dass ich belastbar bin. Aber so bin ich nicht gebaut. Mein Licht hat Phasen. Es flackert. Es geht aus. Es geht wieder an. Und manchmal brauche ich jemanden, der für mich drückt, weil ich es gerade nicht schaffe.
So ist es für mich wie mit Gott. Er ist kein Scheinwerfer, der alles hell macht. Sondern jemand, der das Licht immer wieder einschaltet: in mir, um mich herum, in Begegnungen mit Menschen. Manchmal gebraucht Gott dafür andere: ein gutes Gespräch, ein ehrlicher Blick, ein Satz, der mich trägt. Und manchmal geschieht es leise: durch Ruhe, durch Musik, durch Gebet.
Ich mag einen Gedanken aus dem Psalmenbuch: „Herr, Du machst meine Finsternis hell.“ Das heißt nicht: Du nimmst alle Probleme weg. Es heißt: Wenn mein Licht ausgeht, kommt Gott mir entgegen.
Als ich mir das bewusst gemacht habe, bin ich anders durch Treppenhäuser gelaufen. Ich ärgere mich nicht mehr so sehr darüber, wenn das Licht zu kurz an bleibt. Denn ich weiß, ich muss gar nicht alles im Dunkeln aushalten, ich darf auf jedem Stockwerk einen Schalter drücken.
Niemand muss permanent stark sein. Niemand muss alles allein schaffen. Niemand muss im Dunkeln stehen bleiben, wenn das Licht ausgeht.
Wenn Ihr Licht heute schwächer wird – drücken Sie ruhig. Einmal mehr. Und wenn Sie es gerade nicht können: Vielleicht ist genau das der Moment, in dem man sich tragen lässt. Von einem Menschen, von einem Wort, von einer Hoffnung, die größer ist als man selbst.
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