Begegnungen

Die Musikerin ist in Biberach an der Riß geboren und aufgewachsen. Nach Jahren in Karlsruhe lebt sie aktuell in Berlin. Seit 2017 hat die Singer-Songwriterin ein ganz besonderes Ehrenamt: Sie gibt Konzerte im Knast- was für eine mutige Idee! Sie war schon in fast 60 Gefängnissen bundesweit - auch im Südwesten, etwa in Schwäbisch-Gmünd, Wittlich oder Zweibrücken. Am Anfang war da die Neugier wie Menschen wohl hinter Gefängnismauern leben. Als Betreuerin auf einer christlichen Jugendfreizeit ist sie einem Seelsorger begegnet, der auch in einer Jugendstrafvollzugsanstalt gearbeitet hat. Der öffnete ihr die Tür in diese fremde Welt:
Und da kam einfach ein Gefängnisseelsorger in seiner Kutte, weil er ein Mönch war und dann kamen wir ins Gespräch und dann hab ich ihm gesagt, dass ich schon länger ein Konzert da geben wollen würde und er meinte: “Ja, komm vorbei”.
Jugendliche, die Sozialstunden ableisten mussten oder sogar schon mal im Knast waren, diese Klientel kannte Diana Ezerex schon von ihrer FSJ-Stelle bei einem offenen Jugendtreff des CVJM in Magdeburg. Ohne Berührungsängste geht sie daher auch bei ihrem ersten Konzert in Neustrelitz im Jugendknast in den Kontakt:
Und das war voll cool zu hören, was sie für Träume und Wünsche haben, was sie vor haben, wenn sie da wieder rauskommen, weil sie auch Ausbildungen machen können im Knast.
Die heute 31-Jährige geht nicht nur zu jugendlichen Straftätern, sondern auch in den Männerknast...
Da war ich schon ganz schön nervös, denn straftätige Männer sind doch noch mal anders dargestellt und man hat ein bestimmtes Stereotyp oder Bild vor Augen. Und ich weiß dass ich mich vorher mit Freunden unterhalten hab und gesagt hab: “Was hab ich mir dabei gedacht?” Und die haben gesagt: “Du schaffst das, du schaffts das!” Und ich war ganz schön nervös.
Nicht jeder der Insassen erhält einen der begehrten Plätze für das Konzert. Die Gefangenen können sich bewerben und wer gute Führung zeigt, bekommt den Zuschlag. Was bedeutet so ein Konzert für Menschen, die teilweise schon seit Jahren in ihrer Zelle sitzen?
Was ich voll oft als Feedback bekomme, dass sie für eine Stunde einfach mal abschalten konnten und nicht drüber nachdenken wo sie sind. Komplett egal ist, wo man ist. Komplett egal ist, was man für Sorgen hat und für Herausforderungen und was gestern war und morgen sein könnte, sondern einfach im Hier und jetzt ist und einfach abschalten kann.
Dabei will sie auf gar keinen Fall verharmlosen, was diese Menschen getan haben - sie weiß, dass im Publikum auch Straftäterinnen und Straftäter sitzen, die viel Leid verursacht haben.
Und trotzdem ist mir in dem Moment erst mal wichtig, dass da ein Mensch sitzt, der auch vielleicht irgendwann wieder rauskommt, der in dieser Gesellschaft funktionieren soll in Anführungsstrichen und keine Straftaten mehr begehen soll, anderen Menschen nicht mehr schaden soll, und ich glaub es lohnt sich da den Menschen so entgegenzutreten.
Eine Haltung, vor der ich Hochachtung habe. Ein Knast ist ein krasser Ort - ich erinnere mich an einen Praktikumstag mit einem Gefängnisseelsorger und wie viele Türen da immer auf und zu gemacht wurden, bis man mal zu einer Zelle kam. Ein Hochsicherheitstrakt - und dorthin bringt sie ihre Popmusik, die mal rockiger, mal mehr nach Alternative klingt. Immer kommt ihre Musik aber aus ihrer Seele. Ist das, was Diana Ezerex da tut, vielleicht auch eine Art von Seelsorge?
Ja, auf ne Art, ich glaub auf jeden Fall! Musik hat so ne krasse Macht und das ist ja auch wissenschaftlich nachgewiesen. Ich merk das ja auch selbst bei mir, wenn ich nen Song hör, dass das einfach was mit mir macht und ich glaub das kann voll krass Perspektiven verändern - eine Songzeile, ein Klang.
Dabei kommen Diana auch ihre drei abgeschlossenen Studiengänge Bildungswissenschaften, Kulturvermittlung und Musik zugute. Dianas Vater ist Nigerianer, ihre Mutter Deutsche. Sie weiß wie es sich anfühlt ausgegrenzt zu werden:
Und ich hab schon so einen Herz für Leute, die irgendwie am Rand stehen. Weil ich es selber aufgrund von Rassismus erlebe und dann möchte ich was machen für Leute, die aus anderen Gründen nicht in der Mitte der Gesellschaft stehen.
Und ihnen allen will Diana die Botschaft mitgeben, dass jeder Mensch wertvoll ist und angenommen. Auf ihrem Album “Identity”, also “Identität”, da bringt sie in dem Song “Start from here” genau diese Botschaft rüber. Und verbindet sie mit einer Glaubensaussage. Ich finde dieses Lied sehr stark, denn da heißt es in den Lyrics, die sich an Gott wenden: “I´m yours, before I´m someone else” - “ich bin dein, bevor ich irgendjemand anderem gehöre”.
Und ich glaub das wünscht sich jeder irgendwie einfach nur gesehen zu werden, für das was man ist und nicht für das was man macht, und was man geleistet hat oder erreicht hat oder wen man kennt - diese ganzen Sachen, mit denen man angeben kann, sondern einfach nur gesehen wird und angenommen wird für das, was man ist.
Seit Diana 14 Jahre alt ist engagiert sie sich ehrenamtlich und kann es anderen nur empfehlen.
Das hat so einen krassen Mehrwert. Ich hab so viel in meinen Ehrenämtern gelernt und auch Plattformen bekommen mich auszuprobieren und zu wachsen und das möchte ich nicht missen.
Wie sehr ihre ehrenamtlichen Auftritte in Gefängnissen Menschen Hoffnung schenken, das kann sie im Gästebuch nachlesen, das immer bei Konzerten ausliegt:
Also jetzt von der Tour im November war eine Sache, die ich gelesen hatte: danke dass du an diesen Ort gekommen bist, an dem man sonst nur existiert und hier ein bisschen Abwechslung reingebracht hast. Ein Jugendlicher meinte er hat das erste Mal seit langem mal wieder Freude gespürt. Danke dass du zu uns gekommen bist, danke dass du uns auch siehst.
Und ich sage “Danke” Diana Ezerex - für unsere Begegnung und für so ein wichtiges Engagemen
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43680