Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
„Beim Geld hört die Freundschaft auf!“, hört man oft. Ich habe das zum Glück persönlich noch nicht erlebt. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass ich mir bisher um Geld keine Sorgen machen musste. Mein ältester Sohn lebt in Berlin und kennt ganz andere Geschichten. Er gibt ehrenamtlich Nachhilfe für Schüler, deren Eltern die Nachhilfestunden nicht bezahlen können. Im selben Projekt arbeitet auch ein Rechtsanwalt als ehrenamtlicher Schuldnerberater. Und viele andere bringen sich mit ihren Fähigkeiten unentgeltlich ein.
Gerade erst hat mein Sohn etwas erlebt, was ihm sehr nahe gegangen ist. Unter dem Vordach seines Wohnblocks in Neukölln hat Norbert sich eingerichtet. Norbert ist obdachlos, schläft mal hier und mal da; tagsüber hält er sich die meiste Zeit in der überdachten Hausecke auf. Es sieht dort entsprechend aus, es riecht unangenehm, immer wieder kommt es zu Konflikten mit einzelnen Hausbewohnern; Frauen trauen sich nicht zu allen Tageszeiten allein an ihm vorbei. Manchmal hat Norbert auch Besuch; dann sitzen sie da zu zweit auf seinem Schlafsack, er und sein Freund.
Als mein Sohn mit einer großen Tüte Plastikpfandflaschen vorbeikommt, spricht Norbert ihn an. „Können wir die haben?“ „Klar“, sagt mein Sohn und drückt Norberts Freund die Tüte in die Hand. Er freut sich und überschlägt im Kopf, dass wohl knapp über zehn Euro rauskommen dürften, wenn die beiden das Pfand einlösen. Ein paar Wochen vergehen. Norbert scheint anderswo untergekommen zu sein; jedenfalls bleibt sein Platz unter dem Vordach lange leer. Dann sitzt er doch wieder da. Er spricht meinen Sohn an: „Nächstes Mal drückst du mir die Tüte in die Hand. Er hat mir nichts abgegeben.“
Mein Sohn ist getroffen. Und ich auch, als er mir die Geschichte am Telefon erzählt. Er ist selbstverständlich davon ausgegangen, dass die beiden sich den Erlös geteilt haben, vielleicht sogar mit zwei Bierchen angestoßen haben. Dass Not zusammenschweißt und geteiltes Leid irgendwie halbes Leid ist. Aber wieder einmal ist deutlich geworden, wie wenig ich die Not von Menschen kenne, denen nicht nur Geld und Obdach und Wäsche zum Wechseln fehlen, sondern auch menschliche Beziehungen, die ich so leicht als selbstverständlich erachte. „Jedem auf des Lebens Pfad einen Freund zur Seite“ wünscht der Dichter Johann Peter Hebel in einem Neujahrslied. „Und zu stiller Herzensgüte Hoffnung ins Geleite.“ Ich schließe mich ihm heute aus vollem Herzen an.
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