Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

14JAN2026
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Eigentlich wollte Katrin nur den Müll rausbringen. Aber jetzt steht sie seit zehn Minuten draußen bei den Tonnen in der Kälte und quatscht mit ihrer Nachbarin. Die beiden kennen sich eigentlich nicht besonders gut. Aber sie haben sich immer gleich was zu erzählen, wenn sie sich zufällig begegnen. Katrin findet: Das ist echt eine Nette, ihre Nachbarin.

Draußen bei den Mülltonnen wird es den beiden jetzt langsam zu kalt. Katrin zögert. Sie hat ihre Nachbarin noch nie zu sich in die Wohnung eingeladen. Sie will nicht übergriffig wirken. Und sie ist auch überhaupt nicht auf Besuch eingestellt. Aber dann gibt sie sich einen Ruck und sagt: „Du, wenn es dir nichts ausmacht, dass bei mir nicht aufgeräumt ist, könnten wir eine Tasse Tee zusammen trinken.“ Und ihre Nachbarin sagt ja.

Als die beiden Katrins Wohnung betreten, ist es Katrin dann doch furchtbar peinlich. „Tut mir leid, hier liegt alles rum, ich bin noch gar nicht zum Aufräumen gekommen“, murmelt sie, und stellt schnell ihr benutztes Geschirr in die Spüle. Es liegen auch noch Krümel vom Frühstück auf dem Tisch. Und auf dem Boden auch, zusammen mit relativ viel Staub. Aber Katrins Nachbarin grinst nur und sagt: „Entspann dich, bei mir zu Hause hätten wir erst über meinen Wäscheberg klettern müssen, um überhaupt in die Küche zu kommen.“ Und Katrin entspannt sich. Während sie den Tee aufgießt, erzählen sich die beiden von ihren größten Haushaltskatastrophen. Sie einigen sich darauf, dass hinter jeder perfekten Fassade irgendwo Staub und Krümel liegen. Und sie versprechen einander, sich in Zukunft nicht zu stressen, wenn die andere spontan vorbeikommt.

Katrin ist froh, dass sie über ihren Schatten gesprungen ist. Sie hat das Gefühl, dass eine neue Nähe entstanden ist zwischen ihr und ihrer Nachbarin. Und das geht eben nur, wenn man jemanden hinter die eigene Fassade schauen lässt.

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