SWR Kultur Wort zum Tag
An der Wand im Flur lehnt schon der erste Fünferpack mit Kartons. Nur noch sieben Wochen bis zu meinem Umzug. Es ist Zeit, mit dem Packen und Aussortieren anzufangen. Entschlossen schneide ich das stabile Plastikband auf und falte den ersten Karton.
Dann öffne ich die oberste Schublade der Kommode im Flur. Tischdecken – kein Problem, rein damit. Daneben liegt ein Stapel Gebrauchsanweisungen – die Hälfte der Geräte habe ich gar nicht mehr ... weg damit. Ganz hinten in der Schublade ist ein kleiner Schmuckkarton. Ich finde darin Dekomaterial aus dem Büro meiner vorletzten Stelle. Mit einem Lächeln denke ich an die wunderbaren Kolleginnen dort. Plötzlich kommen mir Tränen – eine dieser Kolleginnen ist letztes Jahr gestorben.
Eine ganze Weile knie ich zwischen Karton und Kommode und erinnere mich an gemeinsame Projekte und schwelge in Erinnerungen. Schließlich nehme ich einen einzigen Gegenstand heraus und lege ihn in die Umzugskiste.
In der nächsten Schublade sind die Fotoalben. Ich blättere darin. Da sind Fotos von Menschen, zu denen der Kontakt abgerissen ist. Dann schaue ich mir Bilder aus unbeschwerten Zeiten an. Ich lächle und werde ein wenig melancholisch. Als ich die Alben endlich in die Umzugskiste packe, spüre ich eine tiefe Dankbarkeit für alles, was ich erlebt, überstanden, verwunden habe.
Die schwierige Zeit als junge Erwachsene mit all diesen Unsicherheiten: wer ich bin, was ich kann, was ich will. Die ersten beruflichen Erfahrungen – Sternstunden und Irrtümer. Die Kinder mit ihren ganz eigenen Temperamenten. Und so viele Menschen, die wichtige Ereignisse ihres Lebens mit mir geteilt haben. Kostbare Erfahrungen.
Nach drei Stunden bin ich durch mit Erinnern, Sortieren, Entscheiden. Ich mache meinen ersten Umzugskarton zu und beschrifte ihn. Bei den Büchern wird es hoffentlich schneller gehen.
Gut gefüllt ist auch mein Herz nach diesem Rückblick auf so viel eigenes Leben in den letzten Jahren. So viele Menschen haben mein Leben bereichert und geformt. Vielleicht haben sie ja gespürt, dass ich heute an sie gedacht habe. Und in mir selbst breitet sich eine tiefe Dankbarkeit aus. Ich bin diesen Menschen dankbar, ich bin dem Leben dankbar, ich bin Gott dankbar. Für alle Menschen in meinem Leben, für alle Niederlagen, für jede Freude und jede Veränderung. Mir ist klar geworden: Egal, was ich an meinem nächsten Wohnort erlebe, ich werde immer wieder Grund haben, dankbar zu sein. Und auch für diese Sicht aufs Leben bin ich dankbar.
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