SWR Kultur Wort zum Tag
Da sitze ich also wieder auf der Klavierbank vor dem Flügel. Mein Klavierlehrer schaut mich aufmunternd an. Ich atme nervös ein, halte die Luft an, lege los und mache sofort einen Fehler. „Nochmal“, sage ich aufgeregt und versuche es ein zweites Mal. Umsonst – ich scheitere an derselben Stelle.
„Erst anfangen, wenn du dir sicher bist“, sagt Paul freundlich. „Überlege dir, welche Noten kommen, wo die Finger liegen und atme nicht nur ein, sondern auch aus.“
Seit gut einem Jahr müht sich Paul, mir Klavierspielen beizubringen. Dabei quält er mich nicht mit eintönigen Übungen, sondern erläutert mir an kleinen hübschen Stücken Musiktheorie, Fingersatz und Variationsmöglichkeiten.
Als ich mit einem Stück besonders kämpfe und mein Blick hektisch zwischen Noten und Tasten hin- und herfliegt, unterbricht er mich.
„Nicht nach unten schauen. Spiel immer erst dann den nächsten Ton, wenn du spürst, dass du auf der richtigen Taste bist. Erspüre dir die Töne. Mach ganz langsam, so lange du eben brauchst, um den nächsten Ton zu finden. Sie sind alle für dich da.“
Ich bin irritiert. Ich empfinde es genau umgekehrt: Ich bin dafür da, die Noten in der richtigen Reihenfolge zu spielen, damit die Melodie zu hören ist, die da steht.
Trotzdem versuche ich zaghaft, seine Anweisung umzusetzen. Es kostet mich Riesenüberwindung, nicht nach unten zu schauen und mich allein auf meine Hände zu verlassen. Doch es funktioniert. Nicht sofort, aber mit jedem Mal gewinne ich etwas mehr Sicherheit. Tastend gewinne ich Überblick.
Eigentlich, denke ich, ist das mit dem Klavierspielen wie mit dem echten Leben:
Es geht darum, Orientierung zu gewinnen und das Leben zu gestalten.
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ heißt es in einem alten Psalmgebet.
Das kann ich voller Überzeugung mitsprechen. Ich empfinde mein Leben tatsächlich als einen weiten Raum, in den mich Gott gestellt hat, gespannt darauf, wie ich diesen Raum durchschreite und gestalte. Und auch hier gilt: Erst wenn ich mich davon befreie, ständig ängstlich auf meine Füße zu schauen, nehme ich wahr, wie weit mein Lebensraum ist. Tastend gewinne ich Überblick und lerne, meine Schritte fest und zuversichtlich zu setzen.
Wie mein Klavierlehrer lässt mir Gott dabei viel Freiheit. Dabei mache ich auch mal Fehler und lerne dann, wie ich besser im Leben zurechtkomme.
Zum Glück ist Gott mindestens so freundlich und geduldig wie mein Klavierlehrer. Weil es Gott darum geht, dass ich meinen Lebensraum entdecke und meine eigene Melodie.
Ich übe weiter. Klavierspielen und Leben!
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