SWR Kultur Wort zum Tag
Frühling, Sommer, Herbst und Winter – so geht der Jahreskreis. So habe ich das in der Grundschule gelernt. Und so zähle ich ihn noch heute:
Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter – Was mich aber schon in der Grundschule an dieser Reihenfolge irritiert hat: Das Jahr beginnt ja mit dem Januar. Und im Januar ist es bekanntlich Winter!
Tatsächlich ist die Festlegung auf den 1. Januar als Jahresbeginn in Europa erst wenige hundert Jahre alt. Unser Sprachgebrauch hat also eine viel ältere Tradition erhalten: nämlich den Jahresbeginn auf die Zeit zu legen, in der die Natur wieder loslegt und grünt und blüht und wächst. Im Kreislauf der Natur beginnt alles im Frühling.
Trotzdem bin ich inzwischen mit dem Jahresstart im Januar ganz zufrieden.
Mir gefällt es, dass das Kalenderjahr mitten im Winter startet, in einer Zeit, in der alles erstarrt wirkt und wenig lebendig. In der sich scheinbar gar nichts tut. Dabei arbeitet es ja unsichtbar im Innern der Erde. Und aus dem Beginn im scheinbar Erstorbenen bricht im Laufe der nächsten Wochen und Monate überbordende Lebendigkeit hervor. Mit dem fortschreitenden Jahr verliert die Erde ihre Starre, ihre Kargheit.
Unser Jahresbeginn im Januar markiert für mich eine geistliche Einsicht: Unsere Erde ist immer lebendig, weil in ihr Gottes Schöpfungsgeist atmet und wirkt.
Weil mitten im Winter unter der Erde schon die Triebe entstehen. Weil die längeren Tageslichtzeiten das Wachstum der Pflanzen anregen und die Tiere aus ihrem Winterschlaf aufweckt. Weil zum Sommer hin alles wuchert, wächst und blüht. Weil im Herbst Früchte reifen, Blätter sich verfärben, und weil dann langsam Ruhe einkehrt und die Erde verschnauft.
Unser Jahreskreis lässt uns teilhaben am Geheimnis von Veränderung, Wandel, Transformation. Alles, was lebt, verändert sich und nichts geht wirklich verloren.
Leben bedeutet sich verändern. Ich stelle mir vor, dass im Zentrum aller dieser Veränderungen Gottes Geist wirkt. Und dass dieser lebendige Geist nicht nur die Natur unaufhörlich bewegt und verändert, sondern auch uns Menschen mit unserem Bewusstsein.
Im Vertrauen auf diese Geisteskraft zu leben, hilft mir, Veränderungen zu bejahen und zu leben. Gottes Schöpfungskraft ist unerschöpflich, verändert, wandelt und bringt immer wieder Neues hervor.
Frühling. Sommer, Herbst und Winter - es ist egal, wie die Jahreszeiten gereiht werden – Gottes Geist wirkt das ganze Jahr. In der Natur, In uns.
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