SWR Kultur Lied zum Sonntag
Mit einem leeren Rucksack sitze ich auf dem Boden und überlege, was ich mitnehme ins neue Jahr. Was Sportliches mit viel Bewegungsfreiheit? Was Luftiges für die heißen Tage? Was Buntes, weil das Leben so schön ist? Was Graues, was für schwierige Zeiten? Mit einer ausgeblichenen Jeans in der Hand frage ich mich, wo eigentlich die Zeit geblieben ist. Die Jahre veralten, dichtet Jochen Klepper. Wie mein T-Shirt, wie meine Jeans. Wie Gewänder.
Da alles, was der Mensch beginnt,
vor seinen Augen noch zerrinnt,
sei du selbst der Vollender.
Die Jahre, die du uns gechenkt,
wenn deine Güte uns nicht lenkt,
veralten wie Gewänder.
Jochen Klepper blickt zurück auf das Jahr 1937. Ein Jahr voller Kopfschmerzen und schlafloser Nächte. Das Jahr, in dem er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen wurde. Ein Jahr der Zumutungen für seine jüdische Frau und die beiden Stieftöchter. Das Jahr, in dem er zum Dichter geistlicher Lieder wurde. Am letzten Tag dieses Jahres schreibt Jochen Klepper in sein Tagebuch: Gott hat im alten Jahr ein „neues Lied“ gegeben. Das muss nun geglaubt sein.
Jochen Klepper findet Trost in der Bibel. Und diesen Trost verwandelt er in Gedichte. Er gibt den Trost weiter – und tröstet sich damit auch selbst.
In seinem Tagebuch schreibt er: Ich schrieb ein neues Kirchenlied, wie oft, wenn mir um Trost sehr bange ist. Nach neuen Kirchenliedern ist immer wieder der Friede, der im Herzen herrscht, auch in den Sinnen und Nerven.
Im Neujahrslied verarbeitet Klepper Verse aus Psalm 102:
Du aber bleibst, wie du bist, Gott, und deine Jahre nehmen kein Ende.
Wer ist hier, der vor dir besteht?
Der Mensch, sein Tag, sein Werk vergeht:
Nur du allein wirst beiben.
Nur Gottes Jahr währt für und für,
drum kehre jeden Tag zu dir,
weil wir im Winde treiben.
Mein Rucksack ist gepackt für das neue Jahr. Proviant für gute und für schlechte Zeiten. Jochen Kleppers Lied ist auch drin.
Es erinnert mich an die Mechanismen autoritärer Herrschaft. Und daran, mich für unsere Demokratie einzusetzen, wo immer das möglich ist. Jochen Klepper, seine Frau und seine jüngere Stieftochter haben sich 1942 unter dem Druck der Repressalien das Leben genommen. Wir sterben nun, ist Jochen Kleppers letzter Eintrag ins Tagebuch. Auch das steht bei Gott.
Siegfried Reda hat zu Jochen Kleppers Text eine Melodie geschrieben. Sie ist unstet, wechselt zwischen Zweier- und Dreier-Rhythmen, pendelt hoch und runter. Aber sie kann nicht anders, als in jeder Zeile wieder auf dem gleichen Ton zu landen. Beim Singen spüre ich: Ich gehe nicht verloren.
Der du allein der Ewge heißt
und Anfang, Ziel und Mitte weißt
Im Fluge unsrer Ziten:
Bleib du uns gnädig zugewandt
und führe uns an deiner Hand,
damit wir sicher schreiten.
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