SWR1 Begegnungen

04JAN2026
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Uta Heß Copyright: Monika Johna

Caroline Haro-Gnändinger trifft Uta Heß aus Weinstadt-Schnait bei Stuttgart.

Wir treffen uns in ihrem Fußpflegestudio und sprechen über ihr Ehrenamt: Denn sie hilft bald wieder in der Stuttgarter Vesperkirche mit. Dort bekommen Wohnungslose und Menschen mit wenig Geld warmes Essen und wer mag, auch Pflege für die Füße:

Wir haben eine Schüssel für‘s Fußbad dabei, Handtücher, alle Werkzeuge, die wir brauchen zum Nägelschneiden, zum Feilen, wir haben Cremes dabei, Desinfektionsmittel und wir haben eine Box mit Socken dabei, weil am Ende bekommt immer jeder ein frisches Paar Strümpfe.

Uta Heß und weitere Ehrenamtliche bauen vorne in der evangelischen Kirche eine Fußpflegeecke auf. Neben der Kanzel. Für die Privatsphäre stellen sie Sichtschutzwände auf. Die Besucher können dort für eine halbe, dreiviertel Stunde Platz nehmen.

Die Menschen, die auf der Straße leben, die kriegen es immer hin, dass sie mit ordentlichen Füßen kommen. Also, dass sie dann sagen: Ich wusste, ich habe den Termin. Ich war heute Nacht in der Obdachlosenunterkunft. Da kann ich mich waschen, da kann ich mich duschen. Schau mal, ich habe mir extra die Füße gewaschen, bevor ich gekommen bin. Es hört sich für uns so lapidar an: Ich habe mir die Füße gewaschen. Für diese Menschen ist das ein richtig großer Aufwand.

Einmal habe ich vorbeigeschaut, als sie in der Vesperkirche im Einsatz war. Und mir ist ein Mann aufgefallen. Er hatte nur Sandalen an – und das im Winter.

Es kommen tatsächlich Menschen bei minus sieben Grad und haben Sommersöckchen an, die dann dazu noch zwei, drei Löcher haben. Ich hatte mal einen Herrn, der hatte zwei verschiedene Paar Schuhe an. Also zwei verschiedene Schuhe. Und gar keine Socken.

Umso besser, wenn sie hier warme Socken bekommen – viele Ehrenamtliche haben sie gestrickt. Manche von den Besuchern haben Schmerzen wegen Problemen mit der Hornhaut oder den Nägeln. Meist können Uta Heß und ihr Team helfen.

Manche haben natürlich gesundheitliche Einschränkungen, merken es vielleicht gar nicht. Also wir haben schon auch Menschen, denen wir keine Fußpflege geben, wo wir sagen, da wollen wir erst, dass da ein Arzt drüber schaut. Es sind ja auch Ärzte im Team anwesend. Da ist es manchmal einfach notwendig.

Viele Menschen lassen sich ungern näher auf die Füße gucken, gerade wenn die nicht so gut aussehen. Uta Heß sagt, ein Eisbrecher ist, dass die Pflege an der Fußsohle oft kitzelt…

Also ganz viele Menschen sind zum Glück sehr kitzelig. Und bei der Behandlung freue ich mich, wenn die Menschen was zu lachen haben. Das soll ja was Schönes sein. Die Menschen sollen ja gern kommen und sich wohlfühlen.

Mich erinnert das, was sie tut, an eine Szene in der Bibel – Jesus wäscht beim letzten Abendmahl seinen Freunden die Füße:

Jesus stellt sich ja da so ein bisschen runter, was ich in der Vesperkirche da vielleicht gleichsetzen möchte, ist, dass wir alle auf Augenhöhe sind. Also da gibt's kein ' wir sind besser' oder ' schlechter' oder ' anders'.

Und doch gibt es auch Herausforderungen in ihrem Ehrenamt. Sie pflegt ehrenamtlich auch Menschen in der Stuttgarter Vesperkirche die Füße. Wohnungslosen oder Menschen mit kleinem Geldbeutel. Einfach ist das nicht immer:

Ich habe eine Frau gefragt, warum sie eine Mülltüte um die Hose herum hat. Dann sagt sie zu mir, wenn sie einschläft und sich einnässt, damit sie nicht am Boden festfriert. Das sind Antworten, da muss ich dann schon schlucken, also damit muss man schon auch umgehen.

Ihr wird da klar, wie schwer der Alltag der Vesperkirchen-Besucher ist und wie anders als ihr Alltag. Sie versucht dann, sich an eins zu erinnern:

Dass diese Frau genauso nett und schätzenswert ist, wie jeder andere auch und da muss ich mir drüber im Klaren sein: Das sind alle Menschen, wie du und ich.

Ich finde, das ist wirkliche christliche Nächstenliebe. Ihr ist Zusammenhalt wichtig. Mit der Kirche als Institution hadert sie. Aber an Gott glaubt sie. Uta Heß hat sich für ihr Engagement Unterstützung gesucht: Jetzt machen Ehrenamtliche auch aus Ostfildern oder sogar aus Freiburg mit.

Also, es ist wirklich ein familiäres Miteinander und macht wahnsinnig Spaß, dorthin zu gehen.

Die Teamarbeit gibt ihr wirklich viel. Und das hilft gerade auch, wenn sie von tragischen Geschichten der Vesperkirchen-Besucher hört:

Der eine Mann, der hat eine Firma gehabt, Frau, Kinder Reihenhäuschen, Hund, der hat 'nen Fehler gemacht im Geschäft, einen bewussten Fehler, der hat eine kleine Steuerhinterziehung begangen, bekam eine Haftstrafe dafür. Seine Firma ging pleite damit. Die Frau und die Kinder haben sich abgewendet.

Das habe ihn erst in die Alkoholsucht gebracht und dann auf die Straße. Uta Heß erinnert sich auch an eine junge Frau. Die war auf einen sogenannten Loverboy hereingefallen. Er hatte sie in die Prostitution gelockt und in die Drogenabhängigkeit:

Die junge Frau, die war gerade Anfang 20 und die hat mir während der Fußpflege erzählt, sie möchte eigentlich gar nicht clean werden, weil sie weiß nicht, ob sie das ertragen könnte, wenn sie einen klaren Kopf hätte.

Schicksale wie das dieser Zwangsprostituierten machen auch mich sprachlos. Uta Heß konnte immerhin zuhören. Und zumindest ihren Füßen was Gutes tun. Sie freut sich umso mehr, wenn sich bei Besuchern etwas zum Guten entwickelt wie bei diesem Mann:

Der Herr kam schon mehrere Jahre zu uns in die Fußpflege in der Vesperkirche, und hat sich verabschiedet, weil: Er hat jetzt eine Wohnung und er kriegt vielleicht sogar demnächst eine Arbeitsstelle. Das freut mich ganz arg, dass er die Möglichkeit hat, zurück in einen geregelten Alltag zu finden, zu einer Selbständigkeit, zu einem Erwerbseinkommen, ich würde mich sehr freuen, in dem Fall, wenn ich ihn nicht wiedersehe.

In wenigen Wochen geht’s an vielen Orten wieder los mit Vesperkirchen für Menschen in Not und ich finde es ist ein wichtiges Engagement.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43636
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