Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
„Das Fest der Faulenzer ist vorbei!“ Mit dieser Ansage wendet sich der Prophet Amos im Alten Testament gegen seine reichen Mitbürger. Er wirft ihnen vor, dass sie die Armen ausbeuten und auf deren Kosten ein Luxusleben führen. Statt selbst zu arbeiten, bürden sie alle Mühen ihren Sklaven auf, liegen auf Betten aus Elfenbein und räkeln sich auf ihren Polstern. Und das Schicksal der einfachen Menschen und Armen interessiert sie nicht. Diesen Menschen sagt Amos: Das Fest von euch Faulenzern ist vorbei. Weil Gott sich – wieder einmal – auf die Seite der Armen stellt und für sie Recht und Gerechtigkeit fordert.
Ich finde die Kritik des Propheten Amos auch heute bedenkenswert. Die Diskussion in unserem Land bewegt sich ja häufig in eine andere Richtung. Da sollen Menschen, die von Bürgergeld oder Grundsicherung leben, stärker zur Arbeit angehalten werden. Die Zeit, sich im Sozialsystem auszuruhen, sei für sie vorbei. Denn die Zeiten seien härter geworden und das Sozialsystem werde überfordert. Da mag im Einzelfall was dran sein. Und es dient ja auch der Menschenwürde und Freiheit, wenn jemand auf eigenen Füßen stehen und von seinem Arbeitseinkommen leben kann.
Aber wenn Amos die Reichen seines Landes überspitzt als „Faulenzer“ bezeichnet, dann weist er auf eine wichtige Tatsache hin: Faulheit, Bequemlichkeit und fehlendes Verantwortungsbewusstsein – das findet man nicht nur unter einfachen und armen Menschen. Das findet man auch unter denen, die ohne Arbeit ein Leben im Luxus führen können, weil ihr – vielleicht geerbtes - Vermögen es ihnen erlaubt. Oder jene, die ihr Besitz blind gemacht hat für die Not der Mitmenschen. Und das muss heute wie damals ein Ende haben. Gerade wenn die Zeiten härter geworden sind. Auch Wohlhabende tragen Verantwortung – nicht nur für ihr Vermögen, sondern mit ihrem Vermögen. Und sie müssen sich einsetzen für ihre Mitmenschen. Denn in Zeiten wie den unseren ist das „Fest der Faulenzer“ für alle vorbei.
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