Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Sind Sie eher Sammler- oder Wegwerfer-Typ? Ich beschreibe mal kurz: Die Wegwerfer freuen sich über jede Gelegenheit, etwas loszuwerden: Flohmärkte oder die Kleinanzeigen-App. Im Keller häuft sich nichts unkontrolliert an, in der Garage steht wirklich nur ein Auto und im Kleiderschrank findet sich immer noch ein freier Bügel. Falls Wegwerfer mal umziehen möchten, ist das gar kein Problem.
Ganz anders die Sammler. Sie horten schöne Dinge aus der Natur: Herzsteine oder Treibholz. Sie bringen es nicht übers Herz, sich von alten Zeitschriften zu trennen, geschweige denn von Erinnerungsstücken: die erste Konzertkarte oder das Akkordeon vom Papa. Das Größte ist es, wenn die Nachbarn kommen und nach einer Matratze fragen, weil sie unerwarteten Besuch bekommen. Klar, davon haben die Sammler einige rumstehen.
Was ist nun besser – sammeln oder wegwerfen? Ich finde, man sollte das eine nicht gegen das andere ausspielen, denn beide Lebensformen haben ihren eigenen Wert. Und ich glaube, beide Typen wünschen sich insgeheim manchmal, ein bisschen wie der andere zu sein: Zum Beispiel der Sammler, der auf dem völlig überfüllten Dachboden steht und sich nach etwas Übersicht und Luftigkeit sehnt. Und vielleicht fragt er sich dann, wer das alles einmal sortieren und entsorgen soll. Und bestimmt auch, wofür er das überhaupt tut, und wen das noch interessiert, wenn er mal tot ist.
Oder der Wegwerfer, der gerade wieder einen Schwung Bücher an einen Wohltätigkeitsflohmarkt losgeworden ist, und sich jetzt an diese eine gute Stelle erinnert, die er nochmal gerne nachlesen würde. Und auch er fragt sich in nachdenklichen Momenten, was von ihm bleibt, wenn er stirbt, außer einer gut aufgeräumten Wohnung.
Das ist die Frage, die beide Typen vereint: Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr auf der Erde bin? Und ganz egal ob aufgeräumte Wohnung oder überfüllter Dachboden, es gibt noch mehr, was bleiben könnte. Vielleicht ein selbstgemaltes Bild oder ein Baum, den ich gepflanzt und gepflegt habe. Ein Haus, in dem mein Herzblut und meine Arbeitskraft stecken. Vielleicht eine Frau, die um mich weint oder Kinder, die sich gerne an mich erinnern, denen ich was mitgegeben habe. Menschen, die von meiner Großzügigkeit erzählen, oder dass ich ein echter Anpacker war. Freunde, die sich erinnern, dass ich eine ehrliche Haut, dass ich tiefsinnig oder eine Stimmungskanone war. Oder vielleicht etwas ganz anderes.
Egal ob Sammler oder Wegwerfer - es gibt so viel was bleiben kann von mir – Gott sei Dank!
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