Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Das „Elfenministerium“ in Island gibt es nicht. Natürlich nicht, werden die einen sagen. Aber andere erinnern sich vielleicht an eine skurrile Meldung, die durch Presse und soziale Medien ging, wonach eine Autobahn auf Island nicht weitergebaut werden konnte, weil das „Elfenministerium“ Einspruch erhoben hatte.
Viele hatten sich gefreut: In Island ist die Welt eben noch in Ordnung, weil dort Straßen wohl nicht die erste Priorität haben. Aber die Isländer haben sich beeilt klarzustellen, dass es bei ihnen kein „Elfenministerium“ gibt. So rückständig wollte man sich dann doch nicht zeigen.
Es gibt aber etwas ganz ähnliches in Island, nur eben keine offizielle Behörde und auch nicht verbeamtet. Sie heißen „Elfenbeauftragte“ und werden vor größeren Bauvorhaben tatsächlich zu Rate gezogen: ob was dagegen spricht, ob dort zum Beispiel wichtige Elfenrouten verlaufen oder gar eine Elfensiedlung zerstört würde. Die Elfen, so sagt es die isländische Tradition, sind ein verborgenes Volk, das man zu respektieren hat.
Da hat also etwas Vorrang hat, das man gar nicht sehen kann. Elfen stehen für Übersinnliches, für Leichtigkeit, für das Schöne und Lebendige in der Natur. Und dass die Isländer ein Gespür für diese Dinge haben, das gefällt mir wirklich.
Im Christentum gibt es auch diese Wesen, die man nicht gleich auf den ersten Blick wahrnimmt. Sie heißen Engel, und es ist immer gut, auf sie zu hören, wenn sie etwas zu sagen haben. Beauftragte dafür gibt es nicht und schon gar kein Ministerium. Aber wenn ich gut mit mir selbst in Kontakt bin, dann merke ich schon, ob und was ein Engel mir zu sagen hat. Engel könnten am Werk sein, wenn ein Freund schonungslos ehrlich zu mir ist, wenn sich in der Nacht mein Gewissen meldet, wenn ich einen Geistesblitz habe oder das berühmte Bauchgefühl, wenn mich jemand an etwas erinnert, wenn ich das Gefühl habe, jetzt unbedingt etwas tun zu müssen oder manchmal auch wenn mir jemand den Vogel zeigt.
Ich kann über diese Situationen hinweggehen, aber ich kann ihnen auch eine gewisse Priorität einräumen: die Situation nochmal nachklingen lassen, abwägen was gut und was schlecht daran war, ob ich einen wahren Kern darin entdecke und mich in eine bestimmte Richtung weiterentwickeln könnte.
Wenn es in mir drin so einen kleinen Beauftragten gäbe, der mich immer wieder daran erinnert, dem Unsichtbaren oder Unscheinbaren eine Chance zu geben, dann könnte das mein Leben ganz schön bereichern.
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