Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Eine witzige Anekdote aus dem Kindergarten: Die Erzieherin fragt in die Runde, ob denn jemand weiß, welche drei Geschenke die heiligen drei Könige dem Jesuskind mitgebracht haben. Einige Kinder wissen, dass auf jeden Fall Gold dabei war. „Genau, Gold war dabei“, sagt die Erzieherin. Und sie erklärt gleich auch warum. Gold war das kostbarste, was die Menschen damals kannten. Und deshalb war es etwas Königliches. Denn die drei waren überzeugt: Jesus ist ein neuer und völlig anderer König für die ganze Welt.
Dann kündigt die Erzieherin an: „Jetzt wird´s schwieriger. Was haben die Könige denn noch mitgebracht?“ Die Kinder gucken ein bisschen ratlos, aber dann traut sich Mia: „Weihrauch“. Die Erzieherin erklärt den Kindern erst mal, was das überhaupt ist. Und dass wenn man die Harzklümpchen anzündet, ein ganz besonderer Rauch aufsteigt, duftet und sich ausbreitet. Und deshalb war Weihrauch schon immer Zeichen für das Göttliche – nicht greifbar, aber doch überall präsent.
„Das dritte Geschenk weiß aber bestimmt niemand“, prophezeit die Erzieherin. Doch der kleine Jakob ruft: „Ich weiß es: Möhren!“ Fast muss die Erzieherin loslachen, aber gleichzeitig erkennt sie, dass Jakob vom Wort her schon ganz nah dran war. Denn „Möhren“ und „Myrrhe“ klingt ja ziemlich ähnlich, ist aber leider etwas völlig anderes.
Myrrhe ist wie der Weihrauch auch ein Harz. In der Antike hat man Myrrhe als Medizin benutzt, um Wunden zu desinfizieren, um zu heilen. Im Zusammenhang mit Jesus bedeutet es, dass er heilt, dass er rettet, und dass er erlöst. Spätestens wenn wir sterben und ins Reich Gottes eingehen, sollen wir erlöst werden von allem, was uns hier auf der Erde einschränkt, traurig oder wütend macht.
Möhren würden als Geschenk zwar nur wenig hermachen, aber vielleicht hat der Gedanke ja doch etwas, gerade weil Möhren so alltäglich sind und deshalb sehr gut zu Jesus passen. Der ist ja auch nicht in einem Palast geboren, sondern in einem gewöhnlichen Stall. Und schließlich hat sich Jesus später auch viel lieber mit dem gewöhnlichen Volk umgeben als mit den Großkopfeten. Er war mit Fischern und Handwerkern unterwegs, nicht mit Politikern oder Großgrundbesitzern.
Die Anekdote aus dem Kindergarten zeigt mir zweierlei: Gold, Weihrauch und Myrrhe stehen für Jesus als einen, der königlich, göttlich und heilsam ist. Aber trotzdem passen alltägliche Geschenke wie zum Beispiel Möhren mindestens genauso gut zu ihm – weil er bescheiden war, weil er die Kleinen groß gemacht hat, und weil er wollte, dass seine Botschaft bei allen ankommt.
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