Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

05JAN2026
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Ich war im längsten Konzert der Welt. Nicht bis zum Ende, denn das ist erst für das Jahr 2640 vorgesehen - da musste ich leider früher raus. Das Konzert läuft seit dem Jahr 2001 in Halberstadt in der Burchardi-Kirche. Es ist ein Orgelstück des Komponisten John Cage und hat den Titel „As slow as possible“, also „so langsam wie möglich“. Alle Töne und Akkorde werden dabei sehr, sehr lange ausgehalten.

 

Gespielt wird das Konzert auf einer Orgel, die extra dafür konstruiert wurde. Und da das Stück für jeden Organisten eine Zumutung wäre und seine Lebenszeit übersteigen würde, haben sich die Macher des Werkes etwas ausgedacht: Sie stecken immer nur die Orgelpfeifen, die gerade gebraucht werden, auf die Luftdüsen. Das Stück wird so langsam gespielt, dass die Klangwechsel ungefähr mit einem Jahr Abstand erfolgen. Diese Klangwechsel sind immer ein feierliches und gut besuchtes Event in der Burchardi-Kirche.

 

Dieses Konzert ist ein richtiges Kunstprojekt. Und es hat mich so neugierig gemacht, dass ich nach Halberstadt gefahren bin. Es ist wie eine kleine Ausstellung konzipiert. Man kann durch die leere Kirche flanieren. In der Mitte steht das Örgelchen und produziert gerade einen ziemlich schrägen Dauerakkord, der aus sieben Tönen besteht. Fast ein bisschen nervig.

 

Interessant finde ich die Zeitleiste aus Metall, die rundum an der Kirchenwand angebracht ist. Für jedes Konzertjahr kann man dort eine Patenschaft übernehmen und ein Metalltäfelchen mit seinem Namen und Widmung anbringen lassen. Für das Jahr 2453 steht da zum Beispiel: „Zu meinem 500. Geburtstag“. Auf einem anderen Schild ist zu lesen: „Was wird geblieben sein?“ Und auf einer Tafel steht: „Klingende Flaschenpost – schwebend im Kirchenschiff – ein Hauch von Ewigkeit“

 

Das ganze Stück kann ich nicht erfassen, weil es einfach zu lang für mein Leben ist. Aber ich komme ins Grübeln über die Zeit und das Sein. Mir wird hier schön vor Augen geführt, dass ich nur ein kleiner Teil eines größeren Ganzen bin - genau wie die Orgeltöne oder die Zeitleiste an der Kirchenwand. Vielleicht gibt es auch in meinem Leben Ereignisse, die erst einen Sinn bekommen, wenn ich das Ganze aus einiger Entfernung betrachten könnte: Ein Verlust, eine Fehlentscheidung oder ein vermeintlicher Zufall, der mein Leben verändert hat.

 

Eine, die das Konzert besucht hat, bringt es für mich ganz gut auf den Punkt. Sie sagt: „Für uns Menschen ist dieses Orgelstück etwa so, als wolle man einer Eintagsfliege die Jahreszeiten erklären. Es macht mir bewusst, dass manche Dinge größer sind als ich selbst.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43624
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