SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

04JAN2026
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Heute ist Welt-Braille-Tag, d.h. der Gedenktag der Blindenschrift - diese kleinen Hubbel im Papier. Sie heißt auch „Braille-Schrift", weil sie der Franzose Louis Braille erfunden hat. Er hat gewusst, dass Blinde zwar kaum oder gar nicht sehen können, dafür aber umso besser tasten.

 

Für Abbas ist die Brailleschrift total wichtig. Er ist blind und lebt in Berlin. Er beschreibt, wie es für ihn ist, wenn er mit seinem „Lesefinger" die Blindenschrift ertastet. Er sagt: „Dieses Gefühl ist schwer zu vermitteln. Zunächst ist es nur ein diffuses Kribbeln in den Fingern. Dann kommt der Moment, wo das Herz lacht und der Geist jauchzt: Ja, ich habe es begriffen."

 

Das Institut für Neuropsychologie in Hamburg hat dieses Gefühl jetzt etwas genauer untersucht. Können Blinde tatsächlich besser tasten? Es wurde herausgefunden, dass sie nicht etwa feinfühligere Finger haben als Sehende. Aber ihre entsprechenden Gehirnareale sind einfach größer, und so können sie die Informationen aus den Fingern besser auswerten. Das, was die Finger ertasten kann schneller umgesetzt oder eben übersetzt werden, weil das Gehirn mehr Kapazitäten dafür zur Verfügung stellt.

 

Wenn Abbas über seine Blindheit spricht, dann weist er gerne auf die Chancen hin, die darin stecken. Er will nicht um das trauern, was ihm fehlt, sondern er freut sich über das, was er mit seinen Fingern und seinem super-flexiblen Gehirn leisten kann. Abbas räumt zwar ein: „Mit den Augen geht vieles vielleicht noch flinker. Aber was soll´s, wenn ich einmal nur die Hände habe!"

 

Wenn er die Braille-Schrift mit den Fingern entziffert, dann ist das für ihn sogar eine spirituelle Erfahrung. Vor allem wenn er seine dicke Blinden-Bibel liest. Die hat um die 8 ½ Millionen Punkte. Wenn seine Finger darüber gleiten, Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Satz für Satz, dann erschließt sich für ihn allmählich ein Sinn. Abbas beschreibt das so: „Ich lese, und in mir wird es langsam immer heller. Mit keinem anderen Licht der Welt wollte ich dieses Licht tauschen."

 

Abbas kann über diese Erfahrung nur staunen. Und noch mehr staunt er über Gott. Wie viele Wege der kennt, um das Herz der Menschen zu erreichen: Wenn man sich begegnet oder sich berührt, wenn man staunt, schmeckt, riecht, wenn man Musik hört, in der Stille sitzt, oder eben wenn die Finger nach und nach diese vielen kleinen Hubbel auf dem Papier ertasten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43623
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