SWR Kultur Wort zum Tag

Noch klingen Neujahrswünsche nach, noch ist etwas zu spüren von den freien und festlichen Tagen um Weihnachten und Jahreswechsel. Noch habe ich Jochen Kleppers bekanntes Kirchenlied im Ohr: „Der du die Zeit in Händen hast, Herr, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen. / Nun von dir selbst in Jesus Christ die Mitte fest gewiesen ist, führ uns dem Ziel entgegen.“ (Gotteslob Nr. 257) Welch tiefes Vertrauen, welch zuversichtliche Orientierung auf ein klares Ziel – und mitzitternd das Wissen, wie schwierig alles ist. „Dieses Jahres Last“ hat 1938 einen konkreten Namen: Judenverfolgung durch die Nazis, und Kleppers Frau war Jüdin, beide dadurch mit den zwei Töchtern in erheblichen Schwierigkeiten schon. Umso beschwörender die Bitte um bessere Verhältnisse, die Hoffnung auf Gottes wirkende Treue. Dreh- und Angelpunkt dabei ist Weihnachten: Erschienen ist da die Menschenfreundlichkeit Gottes, und die ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen; auf die kann man sich immer verlassen. Weihnachten ist nicht nur ein kalendarisches und liturgisches Datum, es gibt die Musik fürs ganze Jahr vor. Und jedes Kirchenlied, allesamt gesungene Gebete, ist vertrauensvoll angesungen gegen widrige Verhältnisse. Es gibt keinen Grund zu resignieren und zu schweigen, auch heute nicht.
Dieses Lied zum Neuen Jahr zieht seine Kraft sogar aus der nüchternen Einsicht, dass all unser Tun vergänglich ist, auch das Böse. Das freilich bliebe ein schwacher Trost, wenn es seit Weihnachten nicht diese besondere Zusage gäbe gemäß Kleppers Lied: „Da alles, was der Mensch beginnt, vor seinen Augen noch zerrinnt, sei du selbst der Vollender. Die Jahre, die du uns geschenkt, wenn deine Güte uns nicht lenkt, veralten wie Gewänder.“ Jeder Augenblick trägt das Wasserzeichen von Gottes führender und fügender Gegenwart – die aber will erbeten und gelebt, ersungen und auch erlitten sein. „Wenn deine Güte uns nicht lenkt“ - das heißt ja auch: wenn wir uns von deiner Güte nicht lenken lassen. Die christliche Zentralbotschaft „Erschienen ist die Menschenfreundlichkeit Gottes“ will täglich gehört und gelebt sein. Welch gutes Vorzeichen am Anfang eines neuen Jahres - diese alles bestimmende Grundüberzeugung. Dank und Bitte zugleich: „Der Du allein der Ewige heißt und Anfang, Ziel und Mitte weißt im Fluge unserer Zeiten: bleib du uns gnädig zugewandt und führe uns an deiner Hand, damit wir sicher schreiten!“
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