SWR Kultur Wort zum Tag

12JAN2026
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Früher hatte man mehr Zeit. Da feierte man Weihnachten vierzig Tage lang. Erst am zweiten Februar, an Mariä Lichtmess, wurden die Krippen abgebaut und die Christbäume entfernt. Dass Christus geboren wurde, war so umwerfend, dass man mehrere Wochen brauchte, um das einigermaßen zu verkraften. Zu groß war die Freude, zu unglaublich das Ereignis: „Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget, / sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget“ - so heißt es in einem der schönsten Weihnachtslieder, vom evangelischen Mystiker Gerhard Tersteegen (Gotteslob Nr. 251). Und weiter: „Gott ist im Fleische. Wer kann dies Geheimnis verstehen? Hier ist die Pforte des Lebens nun offen zu sehen.“ Himmel und Erde werden da als Zeugen aufgerufen, und können sich vor Freude nicht einkriegen.

Nein, ich will die Uhr nicht zurückdrehen. Das Weihnachtsfest liegt längst hinter uns, fast zwanzig Tage schon. Das Neue Jahr hat schon wieder Fahrt aufgenommen. Aber ehrlich gesagt: ich bin mit Weihnachten noch nicht fertig, ganz im Gegenteil. Nicht nur, dass solche Liedverse nachklingen und schöne Erinnerungen da sind. Die Botschaft selbst ist so aktuell, dass ich sie ins Neue Jahr mitnehmen möchte: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden“ – was könnte wichtiger sein? Dass mit diesem Jesus endgültig der Durchbruch geschafft ist, ist ja wirklich unglaublich. „Gott und der Sünder, die sollen zu Freunden nun werden“, dichtete Tersteegen. Frieden ist möglich geworden, überall und jederzeit abrufbar. Freundschaft ist das grundlegende Beziehungsmodell, nicht Rivalisieren und Kriegen.  Ja, Weihnachten ist nicht nur ein Datum im Kalender, es ist das Vorzeichen zuversichtlichen Lebens. Recht hatten unsere Vorfahren, wenn sie fortan alles „nach Christi Geburt“ datierten – als wär‘s der Notenschlüssel zum ganzen Jahr, eine Art Wasserzeichen für jeden Tag. 

Freilich:  Zur Weihnachtsgeschichte gehört auch, was wohl alle zu spüren bekommen: Menschwerden ist nichts für Feiglinge, und der Lebensweg Jesu war nicht ohne. Auch seine Geburt wird schon vom Kreuz her erzählt, und beides im Licht von Gottes Schöpfertreue und Auferweckungskraft. Der Lebensweg zur österlichen Vollendung kann sehr mühsam sein. Billiger ist schon Weihnachten nicht zu haben. Das zu erfahren und zu leben, ist jeder Tag eine Chance, eine gesegnete.

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