Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

02JAN2026
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Zweiter Januar – das Jahr ist noch jung: jung genug, um eins meiner Lieblings-Kirchenlieder nachzulesen. Paul Gerhard – ein Pfarrer, der vor ungefähr 400 Jahren gelebt hat – hat es speziell für den Jahreswechsel geschrieben. Die erste Strophe lautet:

Nun lasst uns gehn und treten / mit Singen und mit Beten / zum Herrn, der unserm Leben / bis hierher Kraft gegeben.

Zum Herrn gehen, mich an die Seite Gottes stellen an der Schwelle eines neuen Jahres – diese Worte haben mich das erste Mal gepackt, als ich ein junger Teenager gewesen bin, im Wohnzimmer meines Elternhauses: als im Radio an Silvester – in den letzten Minuten kurz vor Mitternacht – eine klare Männerstimme das ganze Gedicht vorgelesen hat. Und dann wurde live übertragen: die Turmuhr vom Ulmer Münster, wie sie 12 Uhr geschlagen hat: Ein gesegnetes, neues Jahr…  

Im Radio-Programm ging’s dann weiter mit Big-Band und Tanzmusik – da war ich aber noch gar nicht fertig mit dem Gedicht und wie es weitergeht: Nämlich, wie wir Menschen durch die Jahre gehen…

… „durch so viel Angst und Plagen, / durch Zittern und durch Zagen, / durch Krieg und große Schrecken, / die alle Welt bedecken.“

Paul Gerhard hätte diese Zeilen genauso gut auch heute dichten können und genauso, als ich noch ein Teenager gewesen bin: „Wir gehn dahin und wandern von einem Jahr zum andern…“ bis zum heutigen Tag immer auch durch schwere Zeiten; und kämpfen wir mit Ungerechtigkeiten überall auf diesem Planeten.

Deshalb: Lasst uns gehn und treten zu Gott dem Herrn, sagt Paul Gerhardt. Denn für ihn macht Gott es, wie eine treue Mutter mit ihren Kindern: Er lässt uns „seine Kinder, wenn Not und Trübsal blitzen, in seinem Schoße sitzen“.

Ich war damals selbst fast noch ein Kind, als ich das Gedicht zum ersten mal gehört habe. Und bin heute dankbar, dass ich immer noch eins sein darf: Gottes Kind, geborgen in seinem Schoß. Wenn Not und Trübsal blitzen, wenn ich Sorgen habe und mich machtlos fühle.

Deshalb, Gott, bitte ich dich auch für das neue Jahr 2026:

Sei der Verlassnen Vater, / der Irrenden Berater, / der Unversorgten Gabe, / der Armen Gut und Habe.

Hilf gnädig allen Kranken, / gib fröhliche Gedanken / den hochbetrübten Seelen, / die sich mit Schwermut quälen.

Und endlich, was das meiste, / füll uns mit deinem Geiste, / der uns hier herrlich ziere / und dort zum Himmel führe.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43597
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