Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

31DEZ2025
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Als ich ein Teenager war, da war Pfarrer Eduard Seng ein prägender Mensch in meinem Leben. Er war nicht nur unser Gemeindepfarrer, sondern auch der Dekan des Kirchenbezirks – und hat es sich trotzdem nicht nehmen lassen, jede Woche mit dem Helferteam den Kindergottesdienst vorzubereiten. Nichts war für ihn wichtiger als die Kinder. Und gleichzeitig war kaum einer so wenig für den Umgang mit Kindern geeignet, wie Pfarrer Eduard Seng.

Er war wirklich ein streitbarer Mann: Als ich Konfirmandin bei ihm war, da hat er mich und die anderen in alphabetischer Reihenfolge sitzen lassen – dem Nachnamen nach sortiert, wohlgemerkt - weil er sich die anders nicht merken konnte. Sowas war typisch für ihn. Für die einen war er herrisch und stur, für andere ein Mann mit klarer Haltung.

Am stärksten beeindruckt hat er mich jedes Jahr im Gottesdienst am Altjahresabend. Ich sehe ihn noch, wie er dagestanden hat: gegen Ende des Gottesdienstes am Mikrofon vor dem Altar. Und durch seine dicken Brillengläser (– er hatte wirklich schlechte Augen -) unsere Gesichter im Kirchenschiff gesucht hat - und dann gesagt hat: „Wenn ich im vergangenen Jahr jemandem Unrecht getan habe – oder jemandem ein Ärgernis gewesen bin, dann tut mir das leid. Ich möchte es in Zukunft besser tun - und bitte Sie um Vergebung…“ Solche und ähnliche Worte, jedes Jahr an Silvester von diesem streitbaren und kantigen Mann.

Pfarrer Seng ist eine prägende Figur in meinem Leben. Und mit nichts hat er mir mehr Respekt abgenötigt als mit dieser Haltung: Ich bin der, der ich bin. Und so stehe ich in der Nachfolge Jesu Christi. Ich mache Fehler und bin auf Gnade und Vergebung angewiesen – auf die meiner Mitmenschen und auf die Gnade Gottes.

Ich sehe ihn noch – am Altjahresabend vor dem Altar, und wie er mit seinen schlechten Augen versucht hat, die Menschen vor ihm im Kirchenschiff wirklich zu sehen - und versuche dieser Haltung ein wenig nachzueifern: in meinem privaten Leben wie auch als Pfarrerin hier in der Rundfunkarbeit.  Deshalb: Wenn ich im vergangenen Jahr etwas gesagt oder getan habe, was Sie geärgert hat; wenn etwas unpassend gewesen ist, ich nicht sorgfältig genug gewesen bin oder ich sonst auf irgendeine Weise für jemanden ein Ärgernis gewesen bin, dann tut mir das leid. Ich möchte es in Zukunft besser tun - und bitte Sie um Vergebung.

Uns allen wünsche ich ein gesegnetes neues Jahr – im Namen Jesu Christi – Amen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43595
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