SWR Kultur Lied zum Feiertag/Zum Feiertag
Was wäre Weihnachten ohne seine Lieder? Ich hoffe, Sie haben gestern schon ganz viele gesungen oder gehört und haben es immer noch nicht satt, denn ich möchte Ihnen gerne ein paar vorstellen. Dabei greife ich gleich mal in die Vollen und beginne mit dem Weihnachtslied, das mir jedes Jahr zuverlässig einen Gänsehautmoment beschert. Und zwar immer im Heiligabendgottesdienst ganz zum Schluss, nach dem Segen. Da bleibt nämlich die ganze Gemeinde noch stehen und singt auswendig alle drei Strophen von „O du fröhliche“. Und wenn sich in der dritten Strophe an der Orgel der Zimbelstern zu drehen beginnt und sein Glöckchengebimmel über den Gemeindegesang auszuckert, dann … möcht‘ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön!
Kommen Sie, ich schenke Ihnen so einen Moment:
O du fröhliche, o du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit!
Himmlische Heere jauchzen dir Ehre:
Freue, freue dich, O Christenheit!
Neben „O du fröhliche“ gibt es im evangelischen Gesangbuch noch viele Weihnachtsliederstrophen, die mit dem Buchtstaben „o“ beginnen. Denn an Weihnachten gibt es so viel zu staunen und zu bewundern. Kein Wunder also, dass bei so vielen Os das Ganze auch mal schnell ins Kitschige kippt. Aber am anderen Ende des O-Lauts liegt die Klage, wohnt das Seufzen: O weh! Oje! Haben Sie gewusst, dass dieser Stoßseufzer ein Mini-Gebet ist? Das Je in O Je steht für Jesus. Er wird angefleht.
Es geht aber auch ausführlicher, wie in diesem Adventslied:
O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab, vom Himmel lauf!
Reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloss und Riegel für!
O Gott, ein' Tau vom Himmel gieß;
im Tau herab, o Heiland, fließ.
Ihr Wolken, brecht, und regnet aus
den König über Jakobs Haus.
O Erd', schlag aus, schlag aus, o Erd',
dass Berg und Tal grün alles werd'.
O Erd', herfür dies Blümlein bring,
O Heiland, aus der Erden spring.
Die große Sehnsucht, die dieses Lied in die Welt hinausruft, wird an Weihnachten gestillt. Es kommt der Heiland, der König. Maria bringt ihn zur Welt.
Nun ist eine Geburt eine schmerzhafte Angelegenheit. Und wer Schmerzen hat, schreit sie mit einem langen Aaaa hinaus. Das A ist der Schmerzenslaut. In einem Geburtsvorbereitungskurs lernt man deshalb heute Atemübungen für den Moment, wenn einen die Wehe überrollt. Trainiert, den Schmerz der einsetzenden Wehen zu veratmen, tief hinein in den Unterleib. A E I O U. Die fünf Vokale haben ihren Sitz nämlich in verschiedenen Körperregionen. Tief im Unterleib sitzt das U. Das O dagegen nimmt die Mitte des Körpers ein. Dort kommt Deine Kraft her. Und mit dem O setzt das Staunen ein. Mit dem O wächst das überwältigende Gefühl für das Wunder eines neuen Lebens. Und manchmal beginnt es ganz leise:
O Jesulein zart, dein Kripplein ist hart,
o Jesulein zart, wie liegst du so hart!
Ach schlaf, ach tu dein Äuglein zu,
schlaf und gib uns die ewige Ruh'!
O Jesulein zart, wie liegst du so hart.
Auch in der biblischen Weihnachtsgeschichte finden sich einige O-Töne. Nicht verbürgt, aber gut vorstellbar ist das lautstarke „Boah!“ der Hirten, denen mitten in der Nacht ein Engel Unglaubliches zu sagen hat: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ Und weiter heißt es: „Alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Und im Jubel dieses Engelchors explodiert das schlichte O in eine nicht enden wollende Lobkaskade:
Gloria in excelsis Deo
Die Hirten finden dann alles so vor, wie der Engel es ihnen gesagt hat: Maria, Josef, das Kind in der Krippe. Aber das Wichtigste passiert danach: Sie behalten es nicht für sich. Sie wollen den Moment nicht nur für sich festhalten, um für immer in ihm zu verweilen. Nein, sie kehren wieder um, preisen und loben Gott für alles, was sie gehört und gesehen haben. Gott sei Dank, denn sonst hätten wir ja nie davon erfahren:
Nun singet und seid froh,
jauchzt alle und sagt so:
Unser Herzens Wonne
liegt in der Krippen bloß
und leuchtet wie die Sonne
In seiner Mutter Schoß.
|: Du bist A und O. :|
A und O. Alpha und Omega. Erster und letzter Buchstabe des griechischen Alphabets. In
dieser Sprache hat Lukas sein Evangelium aufgeschrieben. Auf Deutsch müssten wir also eigentlich sagen: Du bist A und Zett. Aber ich bleibe heute lieber beim A und beim O. Und wünsche Ihnen frooohe Weihnachten!
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Musikangaben:
O du fröhliche
Text: Heinrich Holzschuh (1829)
Musik: Sizilianische Volksweise (vor 1788)
Aufnahme: Chor der Stiftsmusik St. Peter Salzburg: M0454888
O Heiland, reiß die Himmel auf
Text: Friedrich Spee (1622)
Musik: Köln 1638
Aufnahme: Daniel Behle und Oliver Schnyder Trio: M0563283(AMS)
O Jesulein zart
Text: Verfasser unbekannt
Musik: Wiegenlied aus dem 17. Jahrhundert
Aufnahme: Niniwe Vocal Art: M0316527(AMS)
Gloria
Text: Otto Abel (1954) nach einer franz. Melodie aus dem 18. Jahrhundert
Musik: Frankreich 18. Jahrhundert
Aufnahme: Windsbacher Knabenchor: M0407611
Nun singet und seid froh
Text: Hannover 1646 nach dem Lat.-Dt. „In dulci iubilo“ aus dem 14. Jahrhundert
Musik: 14. Jahrhundert, Wittenberg 1529
Aufnahme: Allegria: M0280324(AMS)
