SWR Kultur Wort zum Tag
Manchmal reizt es mich geradezu. Dann setze ich mich spät abends auf mein Sofa. Und auf meinem Tablet rufe ich die Zeitung für den morgigen Tag auf. Es sind nicht die neuesten Meldungen, die mich dazu verlocken. Die können in der Zeitung, die ja schon einige Stunden vorher Redaktionsschluss hat, gar nicht drinstehen. Es ist etwas anderes, was mich schon heute zum Blick in die Zeitung von morgen verlockt. Es ist das Gefühl, der Zeit um ein paar Stunden voraus zu sein. Schon jetzt zu sehen und zu lesen, was sich andere Menschen erst am kommenden Morgen zu Gemüte führen.
Ob ich das mit Blick auf dieses noch ganz junge Jahr auch möchte, habe ich mich gefragt. Schon jetzt wissen, was es am Ende bringen wird. Eigentlich ein verlockender Gedanke. Oder eben auch nicht. Zu vieles gibt es, bei dem es gut ist, dass ich nicht schon im Voraus weiß, was sich daraus entwickelt. Wenn ein Prozess, eine Entwicklung, eine Krise noch offen ist, kann sich am Ende ja alles auch noch in eine bessere Richtung entwickeln. Ich kann mich selbst mit einbringen, um dieses bessere Ende zu erreichen. Die Hoffnung wachhalten, dass es so kommt. Auf Menschen setzen, die sich mit mir engagieren. Die mit mir glauben, dass am Ende alles gut wird. All diese Energien gehen verloren, wenn ich heute schon weiß, dass mein Einsatz vergeblich ist.
In einem Brief im Neuen Testament schreibt ein uns unbekannter Christ aus den Anfängen der Kirche: „Der Glaube ist ein Festhalten an dem, worauf man hofft –
ein Überzeugt-Sein von Dingen, die noch nicht sichtbar sind.“ (Hebräer 11.1) Das bringt meine eigenen Überlegungen auf den Punkt. Ich möchte nicht zu früh zu wissen, was aus meinen Hoffnungen wird. Damit sie am Leben bleiben. Gerade am Anfang eines neuen Jahres. Und mit der Energie, die in ihnen verborgen ist, mithelfen, die Welt ein klein wenig zum Guten zu verändern. Nein, ich allein kann keine Kriege beenden. Aber ich kann andere Menschen mit meinem Glauben infizieren, dass der Friede möglich bleibt. Und um den Frieden im Kleinen, in der Welt um mich herum, kann ich mich tatsächlich auch selbst kümmern und die Welt von morgen ein klein wenig heller machen. Aber wissen, was aus meinen Hoffnungen für morgen wird, das möchte ich nicht. Die Zeitung meiner Hoffnungen möchte ich nicht im Voraus lesen. Aber ich freue mich, wenn sie dann vor allem gute Nachrichten enthält.
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