SWR Kultur Wort zum Tag
Inzwischen warte ich schon auf sie, wenn ich am späten Vormittag aus dem Küchenfenster schaue: Ein Mann und eine Frau. Hochbetagt. Beide mit dem Rollator unterwegs. Vor unserem Gartenzaun richten sie ihren Rollator in Richtung Wald aus. Setzen sich hin und verharren so eine ganze Weile. Schauen gemeinsam in die Ferne. Manchmal reden sie ein paar Worte miteinander. Dann gehen sie weiter. Am Tag darauf sind sie wieder da. Ein festes Ritual. Wenn sie ab und an ein paar Tage wegbleiben, werde ich unruhig. Und ich bin erleichtert, wenn sie dann doch wiederkommen.
Für mich sind die beiden wie ein lebendiges Gleichnis. Sie gehen ihre Wege. Sie halten inne. Richten den Blick in die Weite. Dann gehen sie weiter. Wie von einer inneren Uhr getaktet. Mit einem für mich undurchschaubaren Taktgeber.
Am Anfang dieses noch jungen Jahres fühle ich mich ihnen besonders nahe. Wenn ich noch ganz gemächlich meine ersten Entscheidungen treffe. Meine Schritte setze. Ich halte inne. Schaue nach vorne. Suchend und zuversichtlich. Sorgenvoll manchmal auch. Wer meine Wege von außen betrachtet – so wie ich die beiden Alten - mag sich fragen, wie ich zu meiner Route komme. Und zu meinem Innehalten immer wieder. Planlos, wie es scheint. Manchmal zufällig. Aber immer zielgerichtet. Zumindest für mich. Das Ziel, das mir auch in diesem Jahr 2026 vor Augen steht, ist nicht ein bestimmter Punkt. Oder ein Datum. Ich lebe nicht auf einen runden Geburtstag hin. Oder ein großes Fest. Auch nicht einfach auf den nächsten Silvesterabend. Mein Ziel ist es, in Gott geborgen zu bleiben. Gegründet in der Gewissheit, dass ich nicht alles verstehen muss, was mit mir und in der Welt passiert. Aber meine Schritte will ich vertrauensvoll setzen. Gerade, wenn ich den Boden unter den Füßen zu verlieren drohe.
Die beiden Alten, so meine ich es inzwischen verstanden zu haben - sie sind nur da, wenn ihnen an ihrem Platz vor unserem Zaun die Sonne ins Gesicht scheint. So wie ich meine Wege sicherer gehe, wenn mir mein Glauben an Gott die Seele wärmt. In diesem neuen Jahr drehe ich eine weitere Runde in meinem Leben. Und strecke mein Gesicht dem entgegen, der mir, wie es in einem Psalm heißt „Sonne und Schild“ sein will. Ich bin gespannt, was ich auf meinen Wegen in die Weite des vor mir liegenden Jahres so alles entdecke.
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