Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

03JAN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Als Kind habe ich es komisch gefunden, wenn die Erwachsenen von „zwischen den Jahren“ gesprochen haben. Das hat mir zwar keine Angst gemacht, aber es war ein bisschen rätselhaft und geheimnisvoll. Ich habe es nicht verstanden. Was für ein „Dazwischen“ haben die Erwachsenen gemeint, wenn doch eigentlich das alte Jahr an Silvester um Mitternacht aufhört und zeitgleich, Schlag Zwölf, das neue beginnt.

Später habe ich gelernt „zwischen den Jahren“ ist die Zeit zwischen dem ersten Weihnachtstag und dem Dreikönigstag. Ganz früher hat man entweder an Weihnachten oder an Dreikönig den Beginn eines neuen Jahres gefeiert. Deswegen heißt die Zeit zwischen diesen Festtagen „zwischen den Jahren“.

Also ist „zwischen den Jahren“ doch gar nicht so rätselhaft und geheimnisvoll. Obwohl – es gibt nicht wenige Menschen, die gerade in dieser Zeit Horoskope lesen oder die Wohnung ausräuchern oder keine Wäsche waschen. Das sind alles irgendwie rätselhafte Gewohnheiten und Bräuche zwischen den Jahren. Sie sprechen dafür, dass es ein Bedürfnis gibt, den Übergang vom Alten zum Neuen zu gestalten.

Ich finde: die Kunst des Übergangs besteht besonders darin, nicht im Alten hängen zu bleiben, sondern vorwärts zu gehen. Ähnlich wie bei dem Satz, den Gott im Buch Jesaja spricht: „Ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.“ (Jes 65,17)

Also nach vorne leben, auch wenn ich selbst natürlich keinen neuen Himmel oder Erde schaffen kann. Aber in meiner kleinen Welt kann ich schon ein paar Dingen anpacken. Vor allem will ich mir nicht mehr alles zu Herzen nehmen.

Mein Brauch dazu ist eine Wanderung zwischen den Jahren. Möglicherweise allein und im eigenen Rhythmus gehen. Mich an das vergangene Jahr erinnern. Mir Empfehlungen für das Neue geben. Und sogar das Dazwischen hinter mir lassen, um mit Zuversicht dem Neuen entgegen zu gehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43571
weiterlesen...