SWR1 3vor8
Heute ist der zweite Weihnachtstag. Für die einen der Reise- und Besuchstag, für andere der Feiertag, an dem Ruhe einkehrt – und für mich: der Tag zum Melancholisch-Werden. Dann kommen Erinnerungen hoch. An vergangene Zeiten, an geliebte Menschen und ihren Verlust, und ja, auch an das, von dem ich im Nachhinein wünschte, es wäre nie geschehen.
In solchen Momenten vertraue ich mich bevorzugt Paul McCartneys Welthit „Yesterday“ an. McCartneys Worte sprechen aus, was ich in meiner Feiertagsmelancholie fühle: sie erzählen von Verlusten und Fehltritten und sehnen sich ins Gestern zurück, als alles noch in Ordnung war.
Ich bin mir sicher, auch in der Weihnachtsgeschichte gibt es auch einen, der ins Gestern zurück möchte: Josef, der Verlobte Marias. Maria ist schwanger – nicht von ihm. Was kann er tun? Sich von seiner Braut trennen, sie Schande und Bestrafung auszusetzen, kommt für ihn nicht in Frage. Aber mit ihr zusammenziehen als ob nichts wäre geht auch nicht. Josefs Lösung: er will Maria verlassen, heimlich. Monatelang denkt er schon darüber nach. Und ich höre ihn seufzen: „Yesterday, all my troubles seemed so far away!“
Der Josef aus der Weihnachtsgeschichte und das lyrische Ich aus McCartneys Song, beide treibt die Sehnsucht nach Gestern um. Doch dorthin zurückkommen können sie nicht. Das gilt auch für mich in meiner Feiertagsmelancholie. Aber was mir Mut macht: Josef und McCartney erfahren auch, wie ihre Sehnsucht nach Gestern Zukunft erhält. McCartney hat erzählt, wie er auf die Melodie seines Liedes gekommen ist. Im Traum! Erst kann er gar nicht glauben, dass diese ungewöhnliche Tonfolge wirklich seine ist. Wochenlang fragt er Freunde und Kollegen, ob sie die Melodie kennen, doch alle schütteln den Kopf. Das Klangmotiv ist seines – ein Traumgeschenk mit Zukunft: McCartney flicht die Sehnsucht nach einem heilen Gestern in diese neue Melodie ein.
Und Josef? Auch er erhält im Traum eine neue Melodie: „Josef, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist“ (Mt 1,20b). In diesem Satz schenkt Gottes Engel Josef Zukunft. Josef versteht: das Kind, das in Maria heranwächst ist Gottes Kind. Josefs Sehnsucht nach Gestern ist diese Zukunft schon monatelang eingeschrieben. Jetzt – endlich – wird ihm das klar und auch welche Rolle er einnehmen soll, wenn Gott selbst auf die Welt kommt: Josef nimmt Maria zu sich und wird zum Hüter des Kindes, durch das Gott allen Menschen nahekommen will – ihm selbst auch. Genau darauf hoffe ich in meiner Feiertagsmelancholie: dass Gott mein Zurückwollen aufgreift und nach vorne wendet. Träumen scheint dabei nicht das Schlechteste zu sein.
Frohe Weihnachten!
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