SWR1 Begegnungen

28DEZ2025
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Johanna Jerzembeck

Wolf-Dieter Steinmann trifft Johanna Jerzembeck aus Karlsruhe. Mit Ende 30 ist ihr klar geworden, dass sie eine trans Frau ist. Das hat ihr Leben erschüttert und sie auch neu werden lassen. Vielleicht auch „weihnachtlicher“: Die studierte Juristin und IT Fachfrau engagiert sich stark in der Kirche.

Weihnachten – fürchte Dich nicht!

Was sind Sie für ein Weihnachtstyp? Manche haben den Baum schon abgeräumt. Johanna Jerzembeck - ich auch - braucht ihn mindestens bis Dreikönig. Sie feiert dieses Jahr, mit Anfang fünfzig, eine Premiere.

Mit meiner Frau zusammen, jetzt dieses Jahr das erste Mal. Bei meiner Mutter, die ist dieses Jahr 90 geworden, mein Vater ist schon vor ein paar Jahren gestorben. Meine Schwester kommt, meine Neffen. Mutti freut sich schon, dass alle da sind. Das wird was richtig Schönes.

Sie ist in sich, mit Ihrer Frau und ihrer Familie glücklich. Aber das war ein Weg. Neues Leben braucht Zeit und kommt oft unter Wehen.

2013 war mir klar, dass ich eine trans Frau bin. Da war ich 39, davor hatte ich das verdrängt und dann musste ich erst mal rausfinden, was bedeutet das für mein Leben und da hab ich das Glück gehabt damals, dass ich im Internet eine Gruppe von Christ*innen gefunden habe. ‚Johanna‘ gab es damals erst nur auf Twitter. Das war im Prinzip so der erste Kreis, wo ich gemerkt habe, ich werde als die, die ich bin, akzeptiert.

Früher war da manchmal so ein Gefühl: Seele und Körper finden nicht ganz zusammen. Dann die Erkenntnis, eine trans Frau zu sein. Ich kann nur ahnen, wie das das Leben aufgewühlt hat. Auch ihre religiöse Identität. Johanna war ja auf einen männlichen Namen getauft.

Während meiner Transition, als ich sehr damit gekämpft habe, ob Gott mich überhaupt noch kennt, hat mir jemand mal gesagt: Was auf deiner Taufurkunde steht, das ist für die Menschen, nicht für Gott. Gott hat dich so geschaffen, wie du bist, will dich so. Gott wusste schon, dass du Johanna bist, bevor du selbst wusstest, dass du Johanna bist. Als ich das begriffen hatte, da hab ich mich unglaublich frei gefühlt

Kann ich da mit? Inzwischen ja. Gesagt habe ich das als Pfarrer ja immer schon: Taufe bedeutet, man kann glauben. Ich bin von Gott geliebt. Kann darum selber liebevoll sein und werden. Immer neu. Das hat auch Johanna geübt: Erst ein Doppelleben geführt: nach außen wie bisher und privat neu. Aber das hat sie krank gemacht. Zum Glück hat sie therapeutische Hilfe gefunden. So ist sie ganz ‚Johanna‘ geworden. Wichtig waren und sind dabei Menschen, die den Weg mitgehen. Auch dazulernen. Was Johanna Jerzembeck und andere nicht brauchen, ist Gedankenlosigkeit.

Was mir sehr, sehr weh getan hat war, wenn Menschen den alten Namen und das alte Pronomen weiter benutzt haben und ich gemerkt habe, sie geben sich keine Mühe. Das ist eigentlich mit das Schlimmste.

Manche dringen sogar übergriffig in die Intimsphäre ein. Fragen zB. ‚was sie denn hat machen lassen‘. Da wird sogar sie kantig.

Was ich zwischen den Beinen habe, geht meine Partnerin was an und sonst niemanden.

Dass Johanna Jerzembeck heute selbstbewusst und furchtloser ist, hat auch mit der biblischen Weihnachtsgeschichte zu tun, vor allem dem, was der Engel sagt.

‚Fürchtet euch nicht, Gott meint es gut mit euch, ihr müsst keine Angst haben.‘ Das strahlt weit über die Weihnachtsgeschichte raus. Fürchtet euch nicht, das ist mein Lieblingssatz.

Der Satz prägt auch ihr Engagement in der Kirche. Sie arbeitet als Quereinsteigerin bei einer IT Firma, engagiert sich in der queeren Community und ihrer evangelischen Kirche. Da macht sie gerade zwei Jahre lang die Ausbildung zur Prädikantin, zur ehrenamtlichen Predigerin in der evangelischen Kirche in Baden. Hochachtung für alle, die so voll leben.

Ich lerne eigenständig Gottesdienste vorzubereiten und auch zu halten, mit allem, was dazugehört, mit Liedern, mit Predigt, die ich auch selbst schreibe.
Und mittlerweile bin ich bei ‚ich mache ganze Gottesdienste eigenständig‘ angekommen. Je mehr ich gemacht habe, desto besser hat es sich angefühlt.

Schön, wenn so viel zurückkommt, wenn man so viel gibt.
Sie ist furchtloser geworden. Dazu passt, dass sie sich auch die Kirche mutig wünscht und freudig. Mutig, grundsätzlich:

Wir wagen jetzt erstmal Dinge, wir fragen vor allem auch die Menschen um uns rum, für die wir ja Kirche sein wollen. Was möchtet ihr eigentlich von uns als Kirche und hören denen dann auch zu.

Mut wünscht sie Kirchen und anderen Institutionen auch auf dem Gebiet der IT; in dem sie beruflich arbeitet: ‚Nutzt open source Software. Werdet unabhängiger von den Mega-Konzernen, die Menschen vom digitalen Leben aussperren können, aus politischen Gründen.‘ Und Johanna Jerzembeck erwartet, dass Kirchen auch umkehren.

Viele queere Menschen haben einfach die Erwartung. ‚Nehmt uns als Kirche so an, wie wir geschaffen sind. Wir sind Gottes geliebte Kinder.‘
Für viele queere Menschen ist Kirche und Religion etwas, was ihnen sagt, du bist falsch, so wie du bist, du bist sündig.
Das geht nicht einfach so weg, indem man sagt, ja, jetzt hängen wir uns eine Regenbogenfahne an die Tür. Sondern das Vertrauen muss erst wieder wachsen und das braucht vielleicht auch von den Kirchen eine Aussage, wir sind uns bewusst, was wir euch angetan haben und wir schämen uns dafür und wir bitten euch um Vergebung.

Ich bin dankbar für das, was ich in dieser Begegnung bekommen habe. Leider musste auch diese, wie alle davor, ein Ende finden. .
Wünscht Johanna Jerzembeck uns was für heute? Ja, eine Art Segen. Den nehme ich auch persönlich und schließ mich ihrem Segen an, wo die Zukunft uns auch hinführen mag.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie mit in das Neue Jahr mitnehmen können, dass sie dran denken, dass gesagt ist, ‚fürchte dich nicht‘; weil das ist das, was mich trägt und ich hoffe, dass es sie auch tragen kann.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43564
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