SWR4 Abendgedanken
„Zwischen den Jahren“, so nennt man diese Tage oft. In diese Zeit fallen seit alters her die sogenannten Raunächte. Traditionell beginnen sie in der Heiligen Nacht und enden am Morgen des 5. Januar. Woher der seltsame Name Raunächte kommt, ist nicht ganz klar. Womöglich davon, dass das Wetter in diesen Tagen und Nächten oft besonders rau und ungemütlich war. Andere Deutungen sagen, das Wort „Rau“ habe mit „Rauch“ zu tun. Mit Weihrauch nämlich, der früher in dieser Zeit in den Bauernhäusern und Ställen verteilt wurde, um vermeintlich böse Geister zu vertreiben. Denn viele Menschen damals waren überzeugt davon, dass sie von Geistern und Dämonen umgeben sind. Und manche glaubten, dass in diesen dunklen Tagen und Nächten, die Geister der Toten besonders aktiv sind. Abergläubische Vorstellungen, die zum Glück vorbei sind. Sicher ist aber, dass die Leute einfach mehr Zeit hatten als sonst. Im Stall und auf den Felder gab es nicht so viel zu tun. Zeit also, um nachzudenken, nochmal zurückzublicken und um sich Geschichten zu erzählen. Und so meinte man damals auch, dass es Tage und Nächte sind, in denen die Zeit einfach stillsteht.
Seit einigen Jahren erlebt die Tradition der Raunächte ein interessantes Comeback. Auch ohne Räucherstäbchen und Aberglauben. Denn das Gefühl, dass diese Tage und Nächte irgendwie anders sind, dass die Zeit nach den Weihnachtstagen fast still zu stehen scheint, das kennen viele. Auch heute noch. Klar, wer zum Winterurlaub aufbricht oder die Silvesterparty organisiert, wird es kaum spüren. Aber ich empfinde es auch so. Es sind Tage, an denen die Arbeit Pause hat. Wo es tatsächlich ruhiger ist als sonst. Wo an langen Winterabenden genug Zeit dafür ist, den Kalender in Ruhe nochmal durchzublättern. Mich zu erinnern. Mich nochmal zu freuen an Erlebnissen, die besonders schön waren. In denen ich glücklich war. Wo aber auch Raum bleibt, das, was traurig und schmerzhaft war im Jahr, nochmal anzuschauen. Es zu verabschieden und zurück in Gottes Hände zu legen. Um so offen zu werden für das, was im neuen Jahr kommt.
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