Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

30JAN2026
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Es gibt im Talmud eine Stelle, die ich besonders schätze. Dort heißt es:
„Der weise Mensch ist der, der von jedem lernt.“ Nun, das hört sich einfach an. Und doch steckt in diesem Satz ein wunderbar jüdischer Gedanke:
Wir wachsen nicht, indem wir immer recht haben, sondern indem wir Platz machen – Platz für den anderen.

Unsere Weisen nennen diesen Platz Makom. Und HaMakom – „der Ort“ – ist einer der Bezeichnungen für G-tt, als Ort des Weltalls. Das klingt beinahe poetisch: G-tt ist der Raum, in dem wir atmen dürfen. Kein strenger Aufseher mit erhobenem Zeigefinger, sondern ein Gastgeber, der sagt: „Komm herein, setz dich, nimm dir Zeit – ich renne dir nicht davon.“

Da verstand ich: Manchmal ist der größte Dienst, den wir einander erweisen können, schlicht das Hinhalten unserer Ohren.

Die chassidischen Meister sprechen davon, dass jeder Mensch ein kleiner Tempel ist – und in einem Tempel macht man Platz. Platz für Gedanken, für Zweifel, für Geschichten, für die Freude und manchmal sogar für die schlechte Laune des anderen. Denn auch die braucht gelegentlich einen Parkplatz.

Ich denke oft: Unsere Welt wäre schon ein bisschen friedlicher, wenn jeder von uns nur einen einzigen Zentimeter mehr Raum gäbe. Einen winzigen Moment Geduld im Treppenhaus. Ein Lächeln, wenn der andere im Verkehr nicht sofort losfährt.

Vielleicht ist das der jüdische Impuls für heute: Geben wir einander Raum – einen warmen, menschlichen, humorvollen Raum.
Denn dort, wo Menschen einander Platz machen, da sagt der Talmud: „Dort wohnt der Segen.“ Und glauben Sie mir – der Segen sucht immer Wohnungen mit guter Nachbarschaft.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43515
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