SWR4 Sonntagsgedanken

14DEZ2025
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Die Zeiten ändern sich… Ja, das ist eine Binsenweisheit. Aber sie ist drum nicht weniger wahr. Mich beschäftigt das. Gerade auch wegen der jungen Menschen, mit denen ich arbeite. Ich war vor 25 Jahren Jugendlich; und es war toll, dass ich als Teenager ziemlich unbeschwert die verrücktesten Pläne machen konnte. Und ich bin immer davon ausgegangen: ich hab mal ne gute Zukunft. Für mich war das ganz selbstverständlich - ein Gefühl, dass Teenager und junge Erwachsene heute nicht mehr unbedingt haben. Und ich glaube, viele Ältere auch nicht.

Viele Themen wiegen schwer: Die Demokratie, wie wir sie seit 80 Jahren kennen, der Frieden in Europa, das Klima in der Welt, der Eindruck, dass ganz wenige Menschen richtig viel Geld haben und ganz viele ganz wenig. Die Aussicht auf eine gute Zukunft ist brüchig geworden. Besonders die Leute um die zwanzig tun mir manchmal leid, wenn ich sehe, wie viele Sorgen sie wälzen.

Deshalb habe ich zu Beginn gesagt: Die Zeiten ändern sich. Andererseits haben sie das schon immer. Und auch früher schon hat es Zeiten gegeben, die der von heute ähnlich sind.

Heute, am dritten Advent, wird eines Menschen gedacht, der ebenfalls noch recht jung gewesen ist, als seine Welt in einen Umbruch geraten ist:  Johannes der Täufer Dieser Johannes hat auch Sorgen gewälzt. Auch er hat gelitten unter der soldatischen Präsenz Roms, er hat gelitten an einer fragwürdigen Monarchie; dass die Reichen sich schamlos bereichert haben und die Armen immer ärmer geworden sind. Als Protest ging er in die Wüste, aß nur wilden Honig und trug Kleidung aus Kamelhaar.

Das haben die Menschen damals wohl sehr anziehend gefunden. Viele sind zu ihm ans Ufer des Jordan-Flusses gekommen, weil sie ihn hören wollten. Johannes hat gepredigt.  Und wie! „Ändert Euer Leben, die Axt ist schon an den Baum gelegt; wer schlechte Frucht bringt, wird umgehauen! Soldaten: tut niemand Gewalt an! Finanzverantwortliche, bereichert Euch nicht unlauter! Wer zwei Hemden hat, der gebe eins ab!“

Für Johannes war klar: Mit dieser Welt wird es bald ein schlimmes Ende nehmen. Es geht so übel zu, dass Gottes Gericht unmittelbar bevorstehen muss. Johannes wollte deshalb den radikalen Umbruch: das Steuer herumreißen, um im Gericht bestehen zu können.

Eigentlich ist er damit nicht weit weg von den jungen Menschen heute. Die versuchen auch, das Steuer radikal herumzureißen: sie wollen vegetarisch oder vegan leben, gendern, lieben, wen auch immer sie wollen. Sie gehen jedenfalls mit einer radikalen Hoffnungsidee um. Aber mit einem Unterschied: Die meisten heute hoffen, dass sie ihre Hoffnung selbst wahr werden lassen können. Johannes dagegen war überzeugt, dass Gott eingreifen wird, und dass ein großes Gericht über die Welt beginnen würde; dass Gott sie erlöst von allem Unrecht.

Erlösung heute wird überwiegend ohne Gott gedacht.
In unseren Zeiten höre ich nur noch selten etwas von Gottes Gericht. Die Erwartung, dass am Ende aller Tage ein himmlisches Gericht abgehalten wird, in dem die Guten von den Bösen getrennt werden – oder gar von Himmel und Hölle die Rede ist – hat sich verflüchtigt.

Ich denke, wir wissen trotzdem noch, wovon die Rede ist, und wie sich das anfühlt: Zum Beispiel, wenn wir etwas gutes Essen, dann beschreiben wir das  als himmlisch. Oder wir sagen: „Das war die Hölle!“ Für Johannes war der Gedanke noch ganz real: Wenn die Zeit am schlimmsten ist, wird Gott kommen und die Dinge wieder geraderücken.

Und das ist zu Johannes‘ Lebzeiten auch tatsächlich passiert. Aber ganz anders als Johannes es erwartet hatte. Denn statt einer himmlischen Armee und einem strengen Richter kommt ein anderer junger Mann namens Jesus zu ihm an den Jordan und lässt sich von ihm taufen.

Gottes Gericht – und das ist die krasse Offenbarung – ist nicht gewalttätig. Es ist geliebtätig. Gottes Gericht ist nicht so, dass es Menschen ausschließt und ewig bestraft. Es ist so, dass es Menschen einschließt und ewig begnadigt. Und, jetzt mal ganz ehrlich, ich würde schon gerne wissen, ob er vielleicht enttäuscht war. Erwartet hat er, dass ein Gericht kommt, in dem Gott straft und prügelt. Bekommen hat er einen Menschen, der geliebt und verziehen hat.

Und, ja – ich höre auch manche von Ihnen schon fragen: Was ist mit den richtig großen Verbrechern in der Welt? Diktatoren und Mördern? Wird Jesus nicht als Richter wiederkommen? Und die Bösen am Ende doch strafen? Wissen Sie: ich weiß es nicht. Ich vertraue darauf, dass Gott Wege der Vergebung findet, die ich nicht sehe oder begreife. Das ist aber ein Teil meines Glaubens mit 39. Als ich so alt wie Johannes der Täufer war, war ich da auch ungnädiger.

Ich glaube, dass es heute ganz wichtig ist, an Johannes und Jesus zu erinnern. Weil die Welt ungerecht, gefährdet und gefährlich ist. Und weil die Zukunft unter Gottes Perspektive mit teilen, heilen und integrieren antwortet. Trotz aller Brüche.

Das sind große Gedanken. Aber, hey, in 10 Tagen ist Weihnachten. Und da fangen große Gedanken allemal klein an.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche.
Matthias Braun, Mainz, evangelische Kirche.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43514
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