SWR4 Abendgedanken
Oft bin ich auf dem Friedhof am Waldrand, da wo ich wohne. Ich gehe dort gerne spazieren, ich liebe die Bäume, mächtige, urwüchsige Gestalten, tief in der Erde verwurzelt. Hier fühle ich mich geborgen und behütet. Doch dann stehe ich plötzlich vor einem neuen Grab. Es ist das Grab eines Kindes, das nur zwei Jahre alt geworden ist. Was für eine Tragödie, denke ich. Es ist einfach furchtbar, wenn Kinder sterben. An den Schmerz der Eltern will ich gar nicht denken. Das Grab ist geschmückt mit bunten Luftballons und lachenden Stoffteddys und plötzlich habe ich einen Kloß im Hals: Auf dem Grabstein stehen in geschwungenen Buchstaben die italienischen Worte: „Abbi cura di splendere“. Zu Deutsch: „Vergiss nicht zu leuchten“.
Was für eine Botschaft auf dem Grab eines Kindes! Da steht eben nicht: „Wir trauern um dich“ oder „Wir vermissen Dich“, sondern: „Vergiss nicht zu leuchten.“ Für mich ist es, als ob dieser kleine Junge eine Botschaft hinterlassen hat. Eine Einladung, eine Aufforderung an alle, die an seinem Grab vorübergehen.
Ich habe mich gefragt: Leuchte ich eigentlich? So, dass es einen Unterschied macht? Mache ich die Welt ein bisschen heller? Oder laufe ich einfach nur durch den Tag, voller Termine, voller Gedanken, und vergesse, dass ich selbst ein Licht für andere sein kann? Ich denke, dabei geht es nicht immer gleich um ein großes Leuchtfeuer. Zu leuchten kann einfach bedeuten: ein freundliches Wort für jemanden zu haben, eine Hand zur Hilfe anbieten, jemandem Mut zusprechen. Nicht aus Pflicht, sondern aus Liebe – weil diese Liebe das eigentliche Licht ist, das wir weitergeben können. Jesus sagt: „Ihr seid das Licht der Welt.“ Manchmal denke ich dann zwar: „Naja, ich bin höchstens ein kleines Teelicht, das flackert.“
Aber trotzdem: Egal, wie klein es ist. Ich sollte mein Licht mutig in den Alltag tragen. Für mich heißt das: Ich bleibe nicht in meiner Komfortzone, sondern gehe auch mal dahin, wo ich vielleicht andere zum Leuchten bringen kann. Auch ein Teelicht macht einen Raum hell, wenn es dunkel ist.
„Abbi cura di splendere“ – „Vergiss nicht zu leuchten“. Dieses Leuchten, wenn es von Liebe getragen ist, es bleibt.
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