SWR4 Abendgedanken

17DEZ2025
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Bei meinen Wanderungen durch den Wald komme ich oft an einem stillen Weiher vorbei. Dieses Mal bleibe ich stehen und blicke mich um, denn etwas hat sich verändert – ich entdecke am Ufer einen halb entwurzelten Baum, der im Wasser liegt. Vielleicht hat er den letzten Sturm nicht überstanden. Seine Wurzeln ragen wie offene Hände in den Himmel und seine Äste greifen tief in das Wasser, fast so, als würden sie dort Halt suchen.

Der Anblick berührt mich. Er erinnert mich an Momente in meinem Leben, in denen auch ich mir wie entwurzelt vorkam – weil sich plötzlich das Leben verändert hat, weil ich einen lieben Menschen verloren habe oder plötzlich vor einer neuen Herausforderung gestanden bin. Das Alte lag hinter mir, das Neue vor mir und ich stand irgendwie dazwischen. Da habe ich mich so ähnlich gefühlt wie dieser Baum, der „keinen Boden mehr unter den Füßen“ hat. Auf der Suche nach Halt.

In dieser Situation am Weiher treffen zwei Ökosysteme, also zwei Lebensräume, aufeinander: der Wald und das Wasser. In solchen Übergangszonen wuselt oft eine ganz besonders große Artenvielfalt, da sich Pflanzen und Tiere aus beiden Welten begegnen und sich aufeinander einlassen müssen. Es entsteht oft etwas ganz Neues. Total überraschend.

Auch in unserem Leben gibt es so etwas wie Übergangszonen, es sind Übergänge von einer Lebensphase in die nächste: Einer geht zum Beispiel in den Ruhestand, wir trennen uns – vielleicht für immer. Kinder werden erwachsen, ziehen aus, gehen eigene Wege und plötzlich wird’s ganz still im Haus. Solche Wendepunkte sind herausfordernd, Gefühle und Gedanken überschlagen sich, doch zugleich – oder vielleicht eben drum! - bieten sie Chancen, dass sich etwas ganz neu entwickeln kann. Ja, auch, dass vielleicht neue Zuversicht wächst.

Je länger ich diesen entwurzelten Baum im Wasser betrachte, desto klarer wird mir: Er lebt weiter. Ich erkenne das an den neuen Ästen und an den frischen, jungen Blättern: Es sieht so aus, als ob der Weiher den Baum aufgenommen hat, das Wasser ist jetzt seine neue Heimat. Für mich ist der Baum ein Hoffnungsbild: Aus einem vermeintlichen Ende wird ein neuer Anfang. Und der kann manchmal ganz anders aussehen, als ich es mir jemals hätte vorstellen können.

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