SWR4 Abendgedanken

16DEZ2025
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Beruflich habe ich viel mit Familien zu tun. Familien, die mitten im Leben stehen und dabei spüren, wie sich die Stimmung in unserer Gesellschaft verändert. Oft fehlt das Geld an allen Ecken und Enden, manchmal fehlt aber einfach nur die Kraft weiterzumachen. Alle sind irgendwie erschöpft.

Wir sitzen im Familienferiendorf manchmal mit den Kindern um ein Lagerfeuer herum, auch jetzt im Winter. Das ist immer eine nette Stimmung, in der es leichter fällt zu erzählen. Wir trinken heißen Apfelsaft und ich höre zufällig ein Gespräch zwischen zwei Jungen, die sich gerade erst am Lagerfeuer kennen gelernt haben. Der eine erzählt von seiner Schule, wie ihn seine Lehrer nerven und wie er von seinen Mitschülern nur geärgert und gehänselt wird. Zuhause hört ihm keiner zu, da hat sowieso nie einer Zeit, sagt er.  Der andere Junge erzählt von seiner Familie - mit seinen vier Geschwistern. Sie sitzen jeden Abend zusammen, sie essen gemeinsam und jeder erzählt von seinem Tag. Einfach nur so. Und dann hatten sie sich irgendwann gemeinsam vorgenommen, endlich Urlaub zu machen. Deswegen sind sie jetzt hier.

Nach einer Weile stehen die beiden Jungs auf und gehen. Ich bleibe mit meinen Gedanken zurück: Jeder von uns wird in eine Familie hinein geboren. Bestenfalls in eine, in der wir liebevoll und behütet aufwachsen - manchmal aber eben nicht. Wir können uns das nicht aussuchen.

Ich sitze noch eine Weile am Feuer und denke über das Gespräch nach. Der eine sehnt sich nach Zugehörigkeit, der andere hat genau das in seiner Familie. Und dann denke ich: Vielleicht beginnt Demokratie genau hier: In der Familie, am Küchentisch. Wo Menschen einander zuhören und auch mal eine andere Meinung stehen lassen können. Wo niemand erst laut schreien muss, um gehört zu werden.  So eine Demokratie ohne Schreihälse gehört zur Familie genauso, wie zu einer gesunden Gesellschaft. Damit wir gut miteinander umgehen und füreinander da sein können. Ja, so wie die beiden Jungen am Lagerfeuer. 

Vielleicht ist das die große Herausforderung unserer Zeit: dass wir Demokratie nicht nur als politisches System verstehen, sondern vor allem als Haltung.  

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