SWR Kultur Wort zum Tag
Vor ein paar Jahren, als unsere Kinder noch klein waren, da ist ein pädagogischer Trick mit unserer Weihnachtskrippe so richtig nach hinten losgegangen. Ganz viel echtes Stroh haben wir in und um die Krippe gelegt. Wir hatten uns das so ausgedacht, dass die Kinder ein bisschen mehr zu spielen haben, als nur die Figuren hin und herzuschieben.
„Ob das so schlau war?“, hab ich am nächsten Abend meine Frau gefragt. Denn als ich zur Wohnungstür hereingekommen bin, wurde ich schon im Flur von einem Strohhäufchen begrüßt. Unser Kleiner hat wohl mein erschrockenes Gesicht gesehen und deshalb schnell erklärt: „Das ist nur falls der Ochse Hunger kriegt.“ Aber das waren noch lang nicht alle Futterstellen. Weitere waren auch auf dem Sofa, im Bett und auf dem bequemen Sessel eingerichtet. Auf dem Dach des Stalles sowieso und wenn schon, dann auch auf dem Wohnzimmerboden. Kurz und gut: überall Stroh.
Das wäre ja nicht weiter schlimm gewesen, denn wir sind relativ geduldige Eltern, und der Staubsauger hat 900 Watt. Aber Stroh kann verdammt hartnäckig sein. Vor allem in den Ritzen zwischen Kissen und Matratzen, auf dem Schaffell oder in der Mohair-Decke.
In dieser Adventszeit hat man mich während des Mittagsnickerchens oder auch meine Frau beim Lesen ab und zu mal aufstöhnen hören. Immer dann nämlich, wenn sich wieder so ein fieser kleiner Stoppel-Strohhalm irgendwo reingebohrt hat, oder wenn´s irgendwo gekitzelt hat.
Das muss doch auch das Jesuskind in der Krippe genervt haben!
Aber vielleicht ist gerade das ein Sinnbild dafür, dass Jesus sich mit unseren kleinen aber auch großen Sorgen auskennt. Er hat von Kindesbeinen an gewusst, wie sich Jucken und Pieksen anfühlt – er hat sowohl die alltäglichen Sorgen gekannt, wie auch die existenziellen. Er hat die Pubertät durchgemacht, sich in der Werkstatt von Josef bestimmt nicht nur ein Mal mit dem Hammer auf den Finger gehauen. Er hat in seiner Zeit als Prediger und Heiler sicher mal dringend Ruhe gebraucht. Er hat sich mit den religiösen Führern angelegt und wusste, wie es sich anfühlt abgelehnt oder verraten zu werden.
Für viele ist Jesus sogar ein rettender Strohhalm geworden, weil er ihrem Leben einen neuen Push gegeben hat, weil er ihnen Sinn gibt und hoffen lässt, dass immer jemand an ihrer Seite ist, und dass mit dem Tod nicht alles fertig ist. Ich glaube genau deshalb lag Jesus nicht auf einer Luxusmatratze sondern einfach auf Stroh!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43481