Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
„Warum bringen Sie manchmal Radio-Beiträge, in denen es gar nicht um Gott geht?“ Manchmal melden sich Hörer mit dieser Rückfrage bei mir. Sie meinen dann Texte, in denen ich nicht ausdrücklich von Gott oder meinem Glauben gesprochen habe. Und es stimmt: Manchmal spreche ich nicht ausdrücklich von Gott. Aber Gott kommt trotzdem immer vor.
Beim Austausch und beim Nachdenken darüber bin ich auf zwei Bücher aus der Bibel gestoßen: das Buch Ester und das Hohelied. Das Esterbuch erzählt die Geschichte, wie die Jüdin Ester im fünften Jahrhundert vor Christus persische Königin wird und die geplante Vernichtung ihres Volkes verhindert. Und das Hohelied ist eine poetische Dichtung über die erotische Liebe zwischen zwei Menschen.
Eine Sache verbindet diese Bücher miteinander: In beiden wird Gott mit keiner Silbe erwähnt. Es wird da auch nicht gebetet oder aus heiligen Schriften gelesen. Auf den ersten Blick scheint der Glaube keine Rolle zu spielen.
Aber trotzdem gilt auch: Diese beiden Bücher stehen schon immer mittendrin in der jüdisch-christlichen Bibel, sind ein Teil dieser religiösen Bibliothek. Den Autoren und auch den Lesern damals muss also völlig klar gewesen sein: Was da passiert, hat mit Gott zu tun. Nur eben zwischen den Zeilen sozusagen. Wenn es Ester gelingt, ihr Volk gegen die Übermacht der Feinde zu verteidigen, dann ist das im Hintergrund von Gott gelenkt. Und genauso hat die menschliche Liebe und Lust ihren Ursprung in Gott.
So ähnlich ist das auch mit manchen meiner Radiobeiträge. Es gibt Themen, da erwähne ich Gott oder meinen Glauben nicht ausdrücklich. Manche Leute sehen das dann kritisch und sagen: „Sie sind doch Christ und von der Kirche – das muss doch auch deutlich erkennbar sein!“ Aber ich rede ja trotzdem von Gott. Weil mein Glaube entscheidenden Einfluss darauf hat, wie ich die Welt wahrnehme und verstehe. Meine Weltanschauung kann ich ja gar nicht abstreifen. Und als Christ glaube ich: Wenn Gott an Weihnachten selbst Mensch wird, dann lässt er sich auch in ganz normal-alltäglichen menschlichen Erfahrungen entdecken. Vielleicht ja auch von Menschen, die von sich selbst sagen würden, dass sie mit dem Glauben gar nichts zu tun haben.
Dass ich Christ bin, zur Kirche gehöre, das sage ich ja nach jedem Beitrag. Auch gleich wieder.
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