Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Vor drei Wochen in der S-Bahn. Mir schräg gegenüber sitzt eine Jugendliche, vielleicht 16 oder 17 Jahre alt. Auf ihrem Handy läuft in voller Lautstärke ein Video. Eine christliche Predigt offenbar. Es geht um Gott und Jesus – in sehr eindringlichem Tonfall. Irgendwann steht sie auf und geht weiter.
Als ich später mein Fahrrad nehme und aussteige, finde ich im Helm am Lenker einen Zettel, den mir meine Mitfahrerin dort hinterlassen haben muss. Darauf wird mir kurz und knapp die Welt erklärt: Eigentlich hat Gott mal alles gut geschaffen. Aber die menschliche Sünde hat alles verdorben. Deshalb bin ich jetzt von Gott getrennt und auf dem Weg in die Hölle. Die gute Nachricht: Jesus ist in die Welt gekommen. Und wenn ich mich persönlich zu ihm bekenne, hat mein Leben wieder Zukunft.
Spontan habe ich mich da zurückversetzt gefühlt in meine eigenen Teenager-Tage. Denn da war ich tatsächlich ganz ähnlich unterwegs. „Ich bin verloren und muss wieder mit Gott ins Reine kommen“ – mit solchen wenigen markigen Glaubenssätzen war in meinen Augen alles eindeutig geklärt. Ich dachte auch, das steht genau so in der Bibel.
Erst im Lauf der nächsten Jahre und Jahrzehnte hat sich mein Glaube geweitet. Ich habe ihn hinterfragt, bin mit anderen ins Gespräch gegangen. Ich habe gemerkt, dass die Bibel doch noch etwas dicker ist, viel tiefer eintaucht ins Leben. Mir ist immer klarer und wichtiger geworden, dass Gottes Liebe schon immer alles umfasst, ich gar nicht aus ihr herausfallen kann. Und dass mich das frei macht, meinen Glauben so zu leben, wie es mir entspricht, ohne Angst oder Druck. Erst so kann ich auch wirklich Verantwortung übernehmen für das Dunkle in der Welt oder meine Schuld.
Daran habe ich zurückgedacht beim Blick auf diesen Zettel aus meinem Fahrradhelm. Der hat mich mit seiner Botschaft schon auch peinlich berührt. Ich frage mich, warum solche Sätze eigentlich immer noch weitergegeben werden. Ja auch von Menschen, die längst keine 16 mehr sind, sondern 36 oder 60. Es gibt genügend Christen, die sich nicht weiterentwickeln, in engen lieblosen Vorstellungen von Gott steckenbleiben. Und damit andere Menschen klein halten, vielleicht auch anfälliger machen für billige Versprechungen. Das finde ich bitter und traurig.
Der Jugendlichen aus der S-Bahn neulich jedenfalls wünsche ich gute, gesunde Begegnungen im Lauf ihres Lebens. Mit anderen Menschen, und mit Gott.
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