SWR1 Begegnungen

Ich bin Manuela Pfann und heute mit Heiko Hauger unterwegs. Er hat Theologie studiert und war kurz vor der Weihe zum katholischen Priester. Dann hat er sich in einen Mann verliebt und ihn geheiratet. Priester ist er so nicht geworden. Und jetzt, über 20 Jahre später, ist er der erste Seelsorger, der sich im Auftrag der Diözese Rottenburg-Stuttgart um queere Menschen kümmert. Er arbeitet also bei der Kirche! Das war damals undenkbar.
Gibt es den Platz überhaupt noch für mich in der Kirche oder wo könnte der sein? Erstmal habe ich auch einfach Abstand gebraucht. Einfach eine Zeit der Selbstvergewisserung.
In der Zeit war die Kirche St. Fidelis in der Stuttgarter Innenstadt ein wichtiger Ort für ihn. Da sitzen wir beide gerade. Heiko Hauger legt den Kopf in den Nacken, schaut nach oben, in den hohen, hellen Kirchenraum. Und denkt zurück:
Dann bin ich damals hier auf den Queergottesdienst gestoßen, der einmal im Monat stattfindet. Da konnte ich dann wieder leise anklopfen. Ja, bei Kirche, bei vielleicht auch den Wurzeln, die von mir da waren.
Denn sein Glaube und Gott sind ja nicht verschwunden, nur weil er als schwuler Mann lebt. Da war er sich immer sicher, …
… dass mir das auch niemand und keine Institution oder sonst jemand verwehren könnte.
Hauger teilt sich die Stelle für „queersensible Pastoral“ wie sie offiziell heißt mit einem Kollegen. Und die beiden haben eine klare Vision:
Uns ist ganz einfach auch wichtig von so einer kühlen Toleranz „Es ist okay irgendwie, dass queere Menschen da sind“, hin zu einem „echt queer geliebt“, dass das Menschen erfahren können.
Genau das ist gerade so wichtig. Weil Queerfeindlichkeit zunimmt. Beim Christopher Street Day beispielsweise gab es in diesem Jahr in etlichen Städten Übergriffe. Gut, dass die Kirche wenigstens ein Signal setzt! Aber es geht natürlich um viel mehr, das weiß Heiko Hauger auch:
Es geht auch um Glaubwürdigkeit bei Kirche an dem Punkt. Und das gilt im Umgang mit queeren Menschen. Das gilt aber genauso im Umgang mit wiederverheiratet Geschiedene oder wie auch immer. Wie sehr nimmt sie es denn ernst mit der Nächstenliebe? Oder fängt sie dann an, Grenzen zu setzen und auszuschließen?
Heiko Hauger bleibt da kritisch mit „seiner“ Kirche, und er weiß auch, wie die Realität aussieht bei heiklen Fragen.
Natürlich ist es immer noch so wenn wieder so ein großes Ringen um den Segen kommt für alle Paare. Ja, da denke ich manchmal Boah! Sind wir wirklich noch an dem Punkt? Ja, wir sind an dem Punkt, und wir kämpfen weiter.
Für Heiko Hauger und seinen Kollegen heißt das konkret: rausgehen, vor Ort, kleine Veranstaltungen machen, Filmabende, Gesprächsrunden. Denn im Grunde geht es um eine Haltung, immer noch, wie vor 20 Jahren:
Also einfach zu wissen, ich bin willkommen mit meiner ganzen Geschichte. Ich muss mich nicht erklären, ich bin erst mal da, als der Heiko. Das find ich ganz wichtig. Da Sicherheit zu haben, das hätte ich damals gebraucht.
Wir verlassen die Kirche St. Fidelis und gehen über die Straße, rüber zu einem alten Friedhof. Wir spazieren ein wenig durch das liegengebliebene Herbstlaub. Friedhöfe waren für Heiko Hauger fast zwanzig Jahre Einsatz- und Arbeitsort, nachdem er entschieden hatte, wegen der Liebe nicht Priester zu werden. Stattdessen hat er für einen Stuttgarter Bestatter gearbeitet.
Da habe ich dann einen Beruf gesucht, der einfach auch sehr nah an der Seelsorge ist. Deswegen gehört der Friedhof auch zu meinem Leben mit dazu. Und ja, das war eine sehr wertvolle Zeit, die Aufgabe war für mich sehr sinnerfüllend. Und Menschen da nah sein zu dürfen und zu begleiten, ist eine total wichtige Aufgabe.
Als vor einem Jahr dann zum ersten Mal in der katholischen Kirche in Württemberg eine Seelsorgestelle für queere Menschen ausgeschrieben wurde, hat Heiko Hauger nicht lange überlegt.
Ich fühle mich jetzt schon am richtigen Platz und ich freue mich einfach, dass das, was ich aus dem Theologiestudium mitgebracht habe und so meine Lebensgeschichte und ja, an der Stelle was bewegen zu dürfen zu können. Für die queere Community.
Und das ist auch mit einer Hoffnung verbunden, nämlich:
Einen Beitrag dazu leisten, dass Gemeinden sich öffnen können, ja, dass sich die Kirche öffnen kann, dass Menschen sich zeigen dürfen. Ich glaube, das ist ganz, ganz existenziell.
Was so einfach und logisch klingt, ist es in der Realität nicht. Heiko Hauger weiß so gut wie ich auch: Gegen queere Menschen und ihre Liebe gibt es viel Gegenwind, aus den Reihen evangelikaler Christen oder aus fundamentalistischen Kreisen. Da werden Bibelstellen zitiert, die angeblich belegen, dass Homosexualität Sünde sei. Wie zum Beispiel aus dem Buch Leviticus: „Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau“.
Dann denke ich immer: Boah, können wir jetzt mal die wissenschaftlichen Erkenntnisse ernst nehmen, die jetzt einfach da sind?
Bibelstellen kann man nicht einfach wörtlich nehmen, sondern muss schauen:
Wann sind sie entstanden, wie sind sie entstanden, welche Aussage steckt dahinter und welche kulturelle Erfahrung?
Und die Gesellschaft vor 2000 Jahren war nun mal eine völlig andere als heute. In diesem patriarchalen Kontext ging es um Machtrollen, aber nicht um gleichberechtigte Partnerschaften.
Zum Schluss habe ich noch eine Frage an Heiko Hauger. Weil ich etwas nicht ganz verstehe. Warum wollte er Priester werden? Er muss doch gewusst haben, dass das schwierig werden würde.
Also dass ich schwul bin, war mir eigentlich klar. Aber ich wollte es lange nicht wahrhaben. Und es braucht manchmal ne Riesenpackung Mut, einfach zu den eigenen Bedürfnissen zu stehen und zu dem, was einen ausmacht. Ja, und da hat es wirklich dieses totale Verlieben gebraucht, dass ich da rausgekommen bin.
Die Liebe also. Die führt nicht nur zu einem anderen Menschen, sondern eben auch zu sich selbst.
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