Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

08DEZ2025
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Ich sitze beim Reifenwechsel. Und weil es schwierig war, überhaupt noch einen Termin zu bekommen, bin ich dankbar und geduldig, lese etwas und warte. Fast eine Stunde. Als schließlich mein Auto fertig ist, will ich allerdings gar nicht schnell weiter, weil ich in einer anderen Welt bin. Eine ältere Dame, die neben mir wartet, hat mich in ein Gespräch verwickelt. Offenbar so intensiv, dass der Mechaniker, der mich zum Zahlen holen will, lächelt und sagt: „Lassen Sie sich ruhig Zeit und kommen sie zur Abrechnung, wenn sie fertig sind.“

Was ist da passiert? Ich hatte schon vorher mit einem halben Ohr mitbekommen, dass die Dame etwas verunsichert und deshalb umständlich war. Jedenfalls hat sie den Händler mit allen möglichen Fragen traktiert, um beim Kauf neuer Reifen nichts Falsches zu machen. Bei mir fängt sie mit dem Thema auch nochmals an. Bis ihr auf einmal Tränen kommen und sie mir andeutet, dass ihr Mann gestorben ist.

Wir sind uns nie zuvor begegnet. Trotzdem ist da auf einmal etwas Vertrauliches zwischen uns. Ich spüre immer noch, dass das ein schönes angenehmes Gefühl war. Und wenn ich im Nachhinein so darüber nachdenke, dann ist es doch das, worauf es zwischen Menschen immer ankommt: sich so zu begegnen, dass bei beiden das Herz aufgeht, dass vorsichtig Nähe entsteht.

Mir ist klar, dass man solche Situationen und Begegnungen nicht „machen“ kann. Sie ergeben sich von allein. Allerdings gibt es wohl so etwas wie günstige Umstände, und man kann schon selbst etwas tun. Die Dame saß mit Abstand neben mir und las ein Buch. Trotzdem hat sie von mir Notiz genommen, hat mich eingeordnet und mich schließlich angesprochen. Ich habe meinerseits Signale gesandt, dass ich ansprechbar bin, war jedenfalls nicht so in mich vertieft, dass die andere zu mir durchkommen konnte. Wir fanden eine Ebene, haben gehört und gesprochen. Erst über den Schriftsteller Leo Tolstoi, dann über russische Geschichte und schließlich über den Tod. Nicht lang und breit, sondern kurz und bündig. Und vor allem unerwartet vertraulich. Das geht. Und dass es hier so gut ging, spornt mich an, es viel öfter zu probieren.

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