SWR4 Sonntagsgedanken
Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich das Warten völlig verlerne. Ich kann mir jede Information in Sekundenschnelle aus dem Internet ziehen. Ich muss auch wochenends oder spätabends nicht darauf warten, dass die Geschäfte wieder aufmachen, sondern kann jederzeit online meine Einkäufe erledigen. Wenn ich auf eine schriftliche Antwort warte, erhalte ich sie meist viel schneller als „postwendend“, wie man früher gesagt hat. Und selbst, wenn ich einmal auf den Bus warten muss, kann ich mir die Zeit mit Musikhören oder in sozialen Medien vertreiben.
Äußerlich geht vieles schneller, und ich kann mich ebenso schnell an das neue Tempo gewöhnen, scheint mir. Und dennoch gibt es in mir drin Prozesse, die weiterhin viel Zeit benötigen. Die nicht mal eben schnell beschleunigt werden können, so wie ich nicht an einem Grashalm ziehen kann, damit er schneller wächst. Ich habe Sehnsüchte und Hoffnungen, auf die ich oft lange warten muss, bis sie sich vielleicht eines Tages erfüllen. Wenn mir äußerlich die Wartezeiten fehlen, nehme ich mir auch innerlich oft nicht die Zeit, mich einmal zu fragen: Was ist eigentlich meine tiefste innere Sehnsucht? Was erhoffe ich mir, worauf warte ich wirklich ganz tief in mir drin?
Die Adventszeit kann mir das Warten im ganz positiven Sinne wieder neu beibringen. Kinder warten oft besonders sehnsuchtsvoll auf Weihnachten, auf die Bescherung. Darauf, dass sie mit Geschenken überrascht werden. Ich glaube tatsächlich: Genau darum geht es. Wenn ich auf Gott warte, ist es ein Warten darauf, beschenkt und überrascht zu werden.
Wie kann ich im Advent wieder neu zu warten lernen? Mein Eindruck ist: Die eigentlichen Dinge des Lebens kann ich nicht machen, sie geschehen unerwartet. Ich kann sie nicht planen. Wenn ich unbedingt jetzt und hier jemanden kennenlernen möchte, passiert das oft nicht. Aber dann, wenn ich überhaupt nicht damit rechne, kann es geschehen. Das heißt nicht, dass ich auf besondere Dinge in meinem Leben nicht warten dürfte. Im Gegenteil: Alles, was mir begegnet und sich als wirklich wichtig entpuppt, entspricht einer tiefen Sehnsucht in mir. Wenn ich jemandem begegne, den ich lieben lernen kann, habe ich mich vermutlich tief in mir danach gesehnt. Ein inneres Warten darauf hat mich dafür geöffnet, dass es wirklich geschehen kann. Und doch geschehen die Dinge oft ganz anders, als ich sie mir ausdenke oder zurechtträume.
Ein schönes Beispiel dafür habe ich direkt nach meinem Theologiestudium erlebt. Ich hatte ein paar Monate zu überbrücken, und Pater Michael, mit dem ich damals immer wieder gesprochen habe, hat mich auf die Idee gebracht, doch nach Israel zu gehen und dort in einem deutschen Kloster am See Genezareth ein Volontariat zu machen. Das hat eine tiefe Sehnsucht in mir geweckt, einmal im Heiligen Land zu sein, ganz dicht auf den Spuren Jesu. Zufällig erfuhr ich, dass der Abt dieses Klosters an einem Abend bei uns in Frankfurt sein sollte. Also beschloss ich: Ich mache ein Bewerbungsschreiben fertig und gebe es ihm direkt in die Hand! Dann hat er mich schon einmal gesehen, und es wird leichter für mich, einen Platz zu bekommen. An dem genannten Abend stand ich mit meinem Brief in der Hand da und … habe gewartet und gewartet. Der Abt kam nicht, hat irgendwo im Stau gesteckt. Irgendwann blieb mir nichts anderes übrig, als meinen Brief jemand anderem in die Hand zu drücken mit der Bitte, ihn weiterzugeben. Mein Plan war nicht aufgegangen.
Zwei Tage später war ich mit Pater Michael in Freiburg. Und plötzlich steht völlig unerwartet besagter Abt vor uns. „Darf ich vorstellen?“, sagt P. Michael, „Anna Niem – Abt Benedikt“. Und beiläufig erzählt er ihm, dass ich Orgel spiele. „Ach“, sagt der Abt, „Sie sind Organistin? Haben Sie Weihnachten schon etwas vor? Zur Mitternachtsmesse im Kloster in Jerusalem kommen immer viele einheimische Gäste, die einmal die deutschen Weihnachtslieder hören möchten. Das wird ohne Orgel bestimmt sehr traurig! Möchten Sie kommen?“
Aus meinem Volontariat am See Genezareth ist nie etwas geworden. Aber die unerwartete und doch so ersehnte Begegnung mit dem Abt hat mir drei unvergessliche Wochen im Heiligen Land beschert. Ich durfte bei den Mönchen wohnen und bekam sogar die Flüge bezahlt. Ich habe zweimal am Tag Orgel gespielt und hatte den Rest des Tages frei, um mir in aller Ruhe Jerusalem anzuschauen und die Orte zu sehen, an denen Jesus unterwegs war.
Damals war eine Sehnsucht in mir da gewesen, ein inneres Warten. Der Versuch, diese Sehnsucht auf meine eigene Weise zu erfüllen, ist schiefgegangen. Aber das innere Warten hat mich geöffnet für eine andere Möglichkeit, die ganz unerwartet wie ein Geschenk in meinen Schoß gefallen ist.
Ähnlich war es vielleicht damals mit der Geburt Jesu. Viele Menschen in der Zeit haben gewartet auf jemanden, der die Welt erlösen würde, der sie im positiven Sinne auf den Kopf stellt, der endlich Frieden bringt. Ihre Sehnsucht hat sich erfüllt. Aber ganz anders. Nicht ein kämpfender Revolutionär fällt vom Himmel, sondern ein unscheinbares Kind wird geboren, irgendwo in einem Stall. Und geht den Weg der Liebe und des Friedens.
Ich mag den Advent nutzen, um wieder neu auf meine tiefen Sehnsüchte zu hören und ihnen geduldig Raum zu geben. Was ich innerlich erhoffe, kann Wirklichkeit werden. Wenn auch ganz anders. Ich darf das Unerwartete erwarten!
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