Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Vor einigen Tagen saß ich bei meiner Ärztin im Wartezimmer. Und da ist mir ein Lied eingefallen. Der Sänger Bosse singt es und es heißt „Wartesaal“. „Wir sitzen im Wartesaal zum Glücklich sein“ singt er da. Er meint kein Wartezimmer in einer Arztpraxis, wie das, in dem ich gesessen habe. Sondern er singt vom großen Ganzen. Der Sänger Bosse singt davon, dass wir Träume haben, aber uns manchmal nicht trauen, sie wahr werden zu lassen. Dass wir Pläne nicht angehen, sondern sie aufschieben. Und dass wir immer darauf warten, dass wir später irgendwann glücklich sind. „Und so bleiben wir im Wartesaal zum Glücklichsein und warten mal und warten mal“ singt er weiter.
So wie Bosse vom Warten singt, meint er kein unbeschwertes Warten. Sondern ein Warten, das uns nicht guttut.
Jetzt im Advent warten wir darauf, dass es Weihnachten wird. Ab heute verkürzen uns Adventskalender die Wartezeit. Jeden Tag öffnen wir ein Türchen, freuen uns über ein Stück Schokolade, eine kleine Überraschung oder eine Geschichte. Sich jeden Tag über eine Kleinigkeit freuen, macht das Warten deutlich schöner. Und es lässt uns fast aus dem Blick verlieren, dass wir überhaupt warten.
Ich glaube, der Advent ist eine gute Zeit zum Warten. Dieses Jahr nehme ich mir vor, mir mehr Zeit für das Warten zu nehmen und mich weniger mit allen Vorbereitungen und Terminen zu stressen. Ich will das Genießen nicht aufschieben, sondern jetzt schon spüren. Und mir die Wartezeit schön machen.
Ich will mir auch Zeit nehmen, um bei mir das große Ganze in den Blick zu nehmen. Das, wovon der Sänger Bosse gesungen hat. Worauf warte ich eigentlich? Welche Träume, welche Pläne habe ich noch? Was brauche ich, dass ich das eine oder andere endlich angehe? Und ich will mich fragen: Sitze ich noch, wie der Sänger Bosse gesungen hat, im Wartesaal zum Glücklichsein? Oder bin ich jetzt schon glücklich?
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