SWR Kultur Wort zum Tag

02DEZ2025
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Wenn sie in der U-Bahn sitzen, schauen die meisten auf ihr Handy oder sie lesen Zeitung. Aber neulich saß eine Frau neben mir, die las in der Bibel. Die erste Seite hatte sie aufgeschlagen: Buch Genesis, 1. Kapitel. Ich hätte sie gerne gefragt, warum sie das macht. Hat sie die Bibel und vielleicht auch den Glauben erst ganz neu entdeckt, oder macht sie das oft und ist ganz vertraut mit den Texten der Heiligen Schrift? Lauter Fragen gingen mir durch den Kopf, Aber ich habe mich nicht getraut, sie anzusprechen.

Ich lese auch öfters in der Bibel, und die ersten Sätze sind mir sehr vertraut:

Bereschit bara Elohim et haschamayim we’et ha’arets…

Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und wirr, und Finsternis lag über der Urflut und der Gottesgeist schwebte über den Wassern. Und Gott sprach: Es werde Licht und es wurde Licht.

Ich habe die Bibel für mich entdeckt, als ich noch ein Kind war. Wir hatten zu Hause eine Schallplattensammlung mit sämtlichen wichtigen Erzählungen der Bibel. Sie waren wie ein Hörspiel mit verschiedenen Sprechern und Musik inszeniert und ich habe diese Geschichten oft und oft gehört. Vor allem die Stimme Gottes war sehr eindrücklich für mich – ich habe sie noch heute im Ohr. Kraftvoll, väterlich und klar. Dieser Gott – so empfand ich es als Kind – stand weit über uns Menschen und zugleich waren ihm die Menschen wichtig. Dass er die Welt erschaffen hatte, bedeutete, dass ich in dieser Welt zuhause sein konnte. Es war ja seine Welt.

Ich bin dankbar, dass ich den Schatz biblischer Geschichten schon als Kind entdecken konnte und sie seither in mir trage. Natürlich ist im Laufe der Zeit vieles dazu gekommen an Wissen, an Reflexion, natürlich auch an Fragen. Die biblischen Texte sind Zeugnisse einer langen vergangenen Zeit. Vieles ist uns heute fremd und doch geht es um die Fragen, die Menschen immer beschäftigt haben: Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Welche Kräfte bestimmen die Welt? Gibt es ein gutes Ende? 

In der Bibel zu lesen, hilft mir, meine Erfahrungen und die Welt zu deuten. Mit der Bibel erscheint sie mir in einem besonderen Licht. Auch wenn mir vieles in der Welt Angst macht und Sorgen bereitet, ist sie Gottes Welt und bleibt deswegen für mich ein Hoffnungsort.

Wie es wohl der Frau in der Bahn mit dem Bibellesen ergeht? Ich weiß es nicht. Aber ich wünsche ihr, dass sie dabei für sich eine Lichtspur entdeckt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43417
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