SWR3 Gedanken
„Provozieren, das ist wie ein Orgasmus.“[1] Das sagt ein Mann, der im Internet als Troll unterwegs ist. Er beleidigt, hetzt, macht andere wütend – und genießt genau das Gefühl, wenn Menschen verletzt werden und ausrasten. Ich finde das erschreckend. Dass Wut für manche zur Befriedigung werden kann.
Trolle sind wie Hacker unserer Gefühle. Sie greifen uns dort an, wo wir empfindlich sind. Und wenn wir aufspringen, haben sie gewonnen. Wenn mich jemand beleidigt, egal ob analog oder digital, dann fällt es mir total schwer, ruhig zu bleiben. Aber vielleicht ist genau das der erste Schritt: ruhig zu bleiben. Nicht, weil mir alles egal ist, sondern weil ich mich nicht manipulieren lassen will.
Und dann: Haltung zeigen. Ohne Aggression, mit Grenzen. Sachlich und ruhig. Aber deutlich. Hass im Netz ist laut, aber er kommt meist nur von wenigen. Die vielen, die anders denken, sind oft mehr – aber sie bleiben still.
Vielleicht liegt genau darin die Verantwortung, wenn mir Hass im Netz begegnet: diese leisen Stimmen zu stärken. Mit Worten, die aufklären statt verletzen. Mit Geduld, Respekt und Nächstenliebe. Uns nicht vom Hass anstecken lassen, sondern bewusst entscheiden, wie wir reagieren.
Denn Nächstenliebe bedeutet in diesen Fällen, sich nicht provozieren zu lassen – und trotzdem nicht wegzuschauen. Sie heißt: den Menschen sehen, auch wenn sein Verhalten abstößt. Für Wahrheit und Fairness einstehen, ohne selbst unfair zu werden.
So schützen wir uns selbst – und gleichzeitig das Miteinander. Damit das Netz nicht nur laut ist, sondern menschlich bleibt.
[1] Aus: „Hass im Netz. Ich bin der Troll“, erschienen am 8.9.2014 in der FAZ
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43411