SWR4 Abendgedanken
„Mach’s wie Gott, werde Mensch“. Den Spruch habe ich auf einer Postkarte gelesen. Gesagt hat ihn Franz Kamphaus, der ehemalige Bischof von Limburg, und gerade jetzt in der Adventszeit passt er einfach perfekt. Denn genau darum geht es ja an Weihnachten: „Gott wird Mensch“.
„Mensch sein“ klingt eigentlich selbstverständlich, aber was das genau heißen soll, darüber habe ich mit meiner Religionsklasse gesprochen. Die Jugendlichen aus der 10. Klasse haben überlegt: Wie tickt der Mensch, was macht ihn aus und wo liegen seine Grenzen? Meine Schülerin Lina war der Überzeugung, dass der Mensch vor allem nach seinem Instinkt handelt und das tut, was am besten für ihn ist. So nach dem Motto, wenn es hart auf hart kommt, dann zählt nur noch „Fressen und gefressen werden“. Und mein Schüler Hannes hat eingeworfen, dass man bei Kleinkindern das Menschsein am besten ablesen kann, weil sie noch ganz ohne Vorurteile sind. Weil sie von sich aus gerne teilen und anderen gegenüber grundsätzlich hilfsbereit sind. Am Ende sind wir bei der Frage gelandet, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse ist.
In der Bibel gibt es dafür eine eindeutige Antwort: Grundsätzlich ist der Mensch erstmal gut, weil er nach dem Bild Gottes geschaffen ist. Wie er dann handelt, steht auf einem anderen Blatt. Und was gutes Handeln ist, dafür gibt Jesus konkrete Beispiele: immer, wenn Menschen mit denjenigen Zeit verbringen, die ausgegrenzt werden, wenn sie sich für mehr Gerechtigkeit einsetzen oder anderen dabei helfen sich miteinander zu versöhnen. Immer dann sind sie Menschen im eigentlichen Sinn.
Auch wenn ich natürlich schon längst ein Mensch bin, kann ich immer noch ein Stückchen menschlicher werden. Dann kommen alle meine positiven Seiten zum Vorschein und der Rest rückt in den Hintergrund. Dann versuche ich geduldig zu bleiben, wenn meine Eltern ein Technikproblem haben, oder ich achte beim Treffen mit Freundinnen vor allem auf die Freundin, die den ganzen Abend so ungewöhnlich still ist.
Gerade hat der Advent begonnen. Die Zeit, in der ich mich auf das Ereignis „Gott wird Mensch“ vorbereite. Und wie kann ich das besser tun als selbst zu dem Menschen zu werden, der eigentlich in mir steckt!
Und ja, das ist auch mein persönlicher Weihnachtswunsch: Dass ich immer mehr Mensch werde, nämlich mitfühlend, ehrlich und aufmerksam. Und dass ich so auch anderen etwas von dem weitergeben kann, was Gott an Weihnachten allen schenken will: echte Menschlichkeit.
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