SWR4 Abendgedanken
Warten ist tote Zeit. So fühlt es sich für mich zumindest oft genug an.
Wenn ich zum Beispiel kurz vor Weihnachten ewig am Postschalter stehe, dann ärgert mich das. Logisch, was hätte ich in der wertvollen Zeit alles machen können.
Warten hat ja auch generell einen schlechten Ruf. Denn Warten passt nicht in den schnelllebigen Alltag, wo ich Nachrichten in Sekundenschnelle verschicke und die Pakete schon über Nacht vor meiner Haustür liegen. Ich muss ja auf vieles gar nicht mehr warten.
Aber jetzt im Advent wird in den Kirchen das Warten zelebriert. Als schöne und besonders wertvolle Zeit. Nämlich als bewusste Wartezeit auf Weihnachten. Nur, ich vermute, so richtig darauf hin fiebern werden nur noch Kinder. Für viele bedeutet der Advent zusätzlicher Stress: Geschenke besorgen, die Feiertage planen. Der Advent scheint viel zu kurz und von Warten bleibt da nicht mehr viel übrig.
Ich kann mir aber zu Herzen nehmen, worum es im Advent eigentlich geht: Eben, dass ich mich einstimme auf ein ganz wunderbares Ereignis, das erst noch kommt. Dass wir feiern, dass Gott Mensch geworden ist. Vielleicht kann ich dadurch dem Stress etwas entgegensetzen.
Oder es kann mich trösten, wenn ich eher mit gemischten Gefühlen auf Weihnachten zugehe. Weil dieses Jahr alles anders ist als bisher, oder weil Ängste oder Trauer da sind.
Im Advent gibt es viele Traditionen, die das Warten auf Weihnachten zu einem schönen Erlebnis machen: Adventskalender, das Kerzenentzünden auf dem Kranz, der Besuch vom Nikolaus. Die Liste mit Ritualen ist lang. Ich kann die Wochen aktiv mitgestalten und so mir selbst oder anderen dabei Gutes tun.
Am liebsten möchte ich mir etwas von diesem gestalteten Warten aus der Adventszeit auch für die Zeit unterm Jahr abschauen. Womöglich hilft es mir auch in langen Schlangen oder vollen Wartezimmern. Ich könnte Warten auch dann als Gelegenheit sehen mir etwas Gutes zu tun.
Anstelle von Weihnachtsritualen kann ich mir persönliche Warterituale überlegen: Ich kann einen Podcast hören, oder meine Stricknadeln immer dabeihaben, oder gerade bewusst mal nichts tun: einfach Dasitzen und Augen zu.
Warten kann eine „gestaltete Zeit“ werden. So wie jetzt im Advent.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Advent – als Wartezeit.
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