Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

04DEZ2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Im letzten Urlaub habe ich gemerkt, dass ich eine Sprache spreche, von der ich bislang nicht wusste, das ich sie kann. Das war  auf Korsika. Ich kann nur ein paar Brocken Französisch. Als ich aber am Sonntagmorgen die Kirchturmglocken gehört habe, wusste ich das Sonntag ist und dass bald ein Gottesdienst sein würde.  Und auch die Uhrzeiten, die durch den Glockenschlag mitgeteilt wurde, habe ich problemlos verstanden. Zugegebenermaßen: Besonders viel kann man mit dieser Sprache „Glockisch“ nicht kommunizieren. Aber für eine grundsätzliche Orientierung hat es gereicht. Früher wäre es noch mehr gewesen: Bevor es unsere modernen Kommunikationsmittel gab, wurde mit Glocken mitgeteilt, wenn Gefahr im Vollzug war, wenn Menschen geheiratet haben oder jemand gestorben ist.

An manchen Orten gibt es diese Traditionen auch heute noch. Und, das habe ich gemerkt, als ich angefangen hab, mich etwas mehr mit dieser universalen Sprache zu beschäftigen: Mit Glocken kann man noch weitaus mehr sagen. Wenn Glocken stumm bleiben, zum Beispiel, ist das meist kein gutes Zeichen. In den Weltkriegen im letzten Jahrhundert war das irgendwann so weit: Weil Glocken abgehängt wurden, um als Metallreserve für die Rüstungsproduktion zu dienen.

Glocken können aber auch ein Symbol des Widerstands sein. Als Protest gegen die Eröffnungsrede des Bischofstags der Deutschen Christen 1935, läutete die örtliche Gemeinde 10 Minuten lang die Glocken. Und auch in den letzten Jahren haben immer wieder Kirchengemeinden Glocken eingesetzt, um ihren Widerspruch gegen Aufmärsche rechter Gruppierungen deutlich zu machen.

Die Sprache der Glocken: Sie ist nicht nur grenzübergreifend, sondern kann auch ziemlich politisch sein. Und damit stehen Glocken auch immer in Gefahr für Propagandazwecke missbraucht zu werden. Das krasseste Beispiel aus der Vergangenheit sind wohl sogenannte Naziglocken, die mit nationalsozialistischer Symbolik verziert wurden oder sogar Hitler geweiht wurden. Es hat seinen Grund, dass in der heutigen Glockenverordnung der württembergischen Landeskirche der Satz zu finden ist: Die Glocke darf nicht zur Menschenehrung dienen.

Dieser Satz weist darauf hin, was die Hauptaufgabe der Glocke in christlich-geprägten Ländern ist: Der Ruf zum Gottesdienst und Gebet. Seitdem ich die Glocken auf Korsika gehört habe, höre ich sie auch hier in Deutschland wieder mehr. Als Ruf zum Gebet, sprachen und länderübergreifend.

Als Zeichen der Universalität und Verbundenheit miteinander. Oder wie Schiller es formuliert hat: Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute.  

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43393
weiterlesen...