Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Wenn ich einen Gottesdienst besuche, dann kommt mein persönliches Highlight dabei fast ganz am Schluss: der Segen. Wenn vorne der Pfarrer oder die Pfarrerin vorne die Hände erhebt und den Segen spricht – dann ist das der Moment, der mich besonders stärkt. Dabei sind es nur ein paar Sätze: Guter Gott, segne uns und behüte uns… .
Ich glaube, ich bin damit nicht allein. Die Sehnsucht nach Segen, nach Zuspruch, boomt gerade. Spontane Segensangebote auf Volksfesten oder in Fußgängerzonen, Kurzclips auf Instagram und Youtube. Ich glaube, nach Segen haben wir Menschen uns schon immer gesehnt. Nicht nur früher, sondern heute auch. Und obwohl bei uns heute viele mit Religion nicht mehr so viel anfangen können.
Das Schöne am Segen für mich ist: Es bringt Menschen und Gott zusammen. Segen kann ich nicht einfach so für mich selbst „machen“ oder „haben“. Man spricht sich keinen Segen selbst zu. Der Segen, das ist in der christlichen Tradition zumindest so, kommt von Gott.
Was macht aber der Segen? So einfach ist das gar nicht zu sagen. Eine alte Dame im Seniorenheim hat mal zu mir gesagt: „Es geht mir gut – das ist ein Segen.“
Trotzdem ist Segen kein Zauberspruch, der automatisch für mein Wohlbefinden sorgt ode mir sogar meine Wünsche erfüllt. Nur weil ich mir ein Ferienhaus auf Korsika leisten kann, bin ich noch lange nicht gesegnet. Ein jüdischer Rabbi hat es mal so ausgedrückt: Segen bringt das, was schon da ist, zum Blühen und Wachsen.
Ich finde das eine schöne und gute Formulierung. Denn: Ich habe kein Ferienhaus auf Korsika. Aber selbst, wenn ich eins hätte, wäre ich vielleicht trotzdem nicht glücklich oder zufrieden. Gesegnet fühle ich mich, wenn etwas in meinem Leben zu blühen und zu wachsen anfängt. Und das passiert ganz besonders in den Beziehungen, in denen ich lebe: mit meiner Familie, meinen Freunden oder vielleicht auch einem Partner oder einer Partnerin. Und gerade deshalb finde ich, verdienen unsere Beziehungen den Segen. Gerade wenn es um die Frage geht, welche Beziehungen wir segnen sollten.
Wenn wir eine Beziehung segnen, dann bitten wir Gott darum, das, was diese Beziehung ausmacht, zum Blühen und Wachsen zu bringen. Vertrauen, Zuneigung, Fürsorge, Treue. All das, was wichtig ist, damit eine Beziehung funktioniert.
Ich sehe keinen Grund, warum man das nur auf eine einzige Beziehungsform beschränken sollte.
Was gibt es Besseres, als wenn Vertrauen, Zuneigung, Fürsorge und Treue in einer Beziehung wachsen? Deshalb tun wir gut daran, wenn wir Gott um seinen Segen für alle Menschen bitten, die so miteinander leben wollen.
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